Aktie unter der Lupe
Aktienprofis fahren auf Medion ab

Analysten trauen dem Unternehmen hohe Wachstumsraten im Ausland zu und raten zum Kauf der Aktie.

DÜSSELDORF. Wenn Jan Ullrich bei der Tour de France in vorderster Reihe die Alpen und Pyrenäen hoch spurtet, jubeln nicht nur die deutschen Radsportfans. Auch in der Essener Zentrale von Medion verfolgt man das Comeback des deutschen Radstars mit Genugtuung. Denn Medion ist Ko-Sponsor von Ullrichs Bianchi-Team. In großen Lettern prangt der Schriftzug des Unternehmens auf Ullrichs Schultern und wird in zig Stunden TV-Übertragung einem weltweiten Publikum präsentiert.

Anders als der prominente Werbeträger hat die Aktie des Marketing- und Dienstleistungsunternehmens ihr Gipfelstürmer-Image zuletzt aber eingebüßt. Von dem Höchststand bei 40 Euro Anfang Juni fiel die Aktie unter 32 Euro. Grund für den Absturz waren Gerüchte, dass sich das Umsatz- und Ertragswachstum von Medion im zweiten Quartal womöglich abgeschwächt habe. Zudem sorgten Meldungen über Verkäufe von institutionellen Investoren für Unruhe.

Gerold Deppisch, Aktienanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hält den Kursabschlag aber für übertrieben: „Ich erwarte keine bösen Überraschungen. Das zweite Quartal spielt für Medion nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist das Weihnachtsgeschäft im vierten Quartal, das mehr als die Hälfte des Umsatzes ausmacht.“

Discounter, allen voran der Lebensmittelriese Aldi, sind die wichtigsten Kunden von Medion. Das Unternehmen beliefert seine Kunden mit Elektroartikeln wie Computern, Fernsehern oder tragbaren CD-Spielern. Allerdings produziert Medion die Geräte nicht selbst, sondern fungiert als Schnittstelle zwischen Produzenten und Handel. Die Essener sondieren die Produktwünsche der Discounter und suchen daraufhin nach Herstellern, die diese Wünsche erfüllen können. Anschließend organisiert das Unternehmen Vertrieb und Marketing der Produkte. Zudem übernimmt Medion den Kundenservice für Aldi & Co. Das Dienstleistungsspektrum reicht von der Telefon-Hotline über den Reparaturservice bis hin zur Vor-Ort-Betreuung der Käufer.

Dank der wachsenden Bedeutung von Discountern in Deutschland erzielte Medion in den vergangenen Jahren stets Wachstumsraten jenseits von 20 Prozent. Und auch der reduzierte Ausblick für das laufende Jahr sieht noch einen Anstieg von 15 bis 20 Prozent vor. Allerdings wird das Wachstum künftig hauptsächlich aus dem Ausland kommen. In Deutschland fährt Medion mit einem Marktanteil von knapp zehn Prozent bereits in der Spitzengruppe. „Damit ist das Potenzial begrenzt“, sagt Roland Koenen vom Bankhaus Lampe. Großes traut er Medion hingegen im Ausland zu. Im ersten Quartal konnte das Unternehmen den Auslandsumsatz um 50 % auf 231 Mill. Euro steigern. Chancen sieht Koenen vor allem in den Vereinigten Staaten: „In den USA gibt es einen riesigen Markt, der weitgehend unerschlossen ist. Bisher kaufen die Amerikaner ihre Elektrogeräte ausschließlich im Fachhandel.“ Erste Testverkäufe hätten aber gezeigt, dass sich das Geschäftsmodell von Medion ohne weiteres auf die USA übertragen lasse. Durch die Partnerschaft mit Aldi und den US-Ketten Office Depot und Costco verfüge Medion bereits über eine gute Basis, ergänzt LBBW-Analyst Deppisch.

Auch für den Kurs der Medion-Aktie ist Deppisch optimistisch. Er erwartet, dass sich der Kurs mittelfristig besser entwickeln wird als der Markt. Nach den jüngsten Abschlägen seien die Titel auch wieder günstig zu haben. Das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16,7 halten auch die Analysten der Deutschen Bank für ein gutes Einstiegsniveau. Sie gehen davon aus, dass Medion mit den bestehenden Kunden wachsen wird und dank des erfolgreichen Geschäftsmodelles zusätzliche Kunden gewinnen kann. Für die Aktie sehen die Analysten des Deutschen Bank Potenzial bis auf Kurse von 50 Euro.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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