Aktie unter der Lupe
Qiagen-Aktie hängt am Tropf der Pharma-Industrie

Experten sehen nach deutlichen Kursgewinnen nur wenig Potenzial

DÜSSELDORF, Das allgemeine Klagelied europäischer Konzerne über den starken Euro singt Qiagen nicht mit. Das deutsch-niederländische Biotech-Unternehmen, das in US- Dollar bilanziert, hat dem hohen Wechselkurs der europäischen Währung einen gewaltigen Umsatzanstieg im zweiten Quartal zu verdanken. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nahmen die Umsätze um 19 % auf 86,3 Mill. $ zu – allein 8,5 % des Wachstums sind dabei auf Währungseffekte zurück zu führen.

Gering schätzen sollte man die Quartalszahlen von Qiagen deshalb aber nicht. Denn die Bilanz liefert Anzeichen dafür, dass das Unternehmen das Schlimmste überstanden hat. Immerhin steigerte es den Jahresüberschuss im Vergleich zum – zugegeben sehr schwachen – zweiten Quartal des Vorjahres etwa um das Anderthalbfache auf 11,1 Mrd. $ oder acht Cents je Aktie. „Der Eindruck verstärkt sich, dass der Markt für Pharma-Zulieferer seinen Boden gefunden hat“, schreiben die Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt in einer Studie.

Hauptgeschäftsfeld des in Venlo ansässigen Unternehmens sind Produkte zur Aufreinigung von Nukleinsäuren („Consumables“). In diesem Segment ist Qiagen unumstrittener Weltmarktführer. 75 % des Konzernumsatzes erzielt das Unternehmen mit Consumables. Im zweiten Quartal zahlte sich diese Fokussierung aus. Die Umsätze in diesem Bereich stiegen um 13 %.

Große Hoffnung setzt Qiagen auf den Bereich Molekulare Diagnostik. Hier will sich das Unternehmen als wichtigster Anbieter von Verbrauchsartikeln zur Aufreinigung von Nukleinsäuren für die großen Pharma-Unternehmen etablieren. Fachleute erwarten, dass die Molekulare Diagnostik z.B. bei der Untersuchung von Spenderblut auf AIDS oder Hepatitis-Spuren in den kommenden Jahren eine große Bedeutung erlangen wird. „Auf diesem Feld sind riesige Umsätze zu erzielen“, untermauert Hanns Frohnmeyer, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). „Wenn es Qiagen gelingt, in diesem Bereich Fuß zu fassen, können die hohen Wachstumsraten der Consumables auch in Zukunft erreicht werden“, sagt er.

Entscheidend für die weitere Geschäftsentwicklung werden aber die Forschungsausgaben aus Pharma-Industrie und Wissenschaft bleiben. Hier ist das Bild nach wie vor kritisch: „Die Nachfrage von Pharma- und Biotechkunden sollte auf Grund restriktiver Forschungsbudgets auch im zweiten Halbjahr nur verhalten zulegen“, erwartet Thomas Brenning, Analyst bei Helaba Trust. Und auch in der akademischen Forschung sei trotz zuletzt positiver Signale noch keine nachhaltige Belebung der globalen Investitionstätigkeit zu erkennen. Die Ausgabenbeschränkungen treffen Qiagen vor allem im Bereich Instrumente. „Gerade kleinere Labors halten sich mit ihren Investitionsausgaben zurück“, sagt LBBW-Analyst Frohnmeyer. Statt tausende von Euros in Analyse-Geräte zu stecken, nähmen sie lieber etwas längere Arbeitsabläufe in Kauf.

Kritisch sieht Frohnmeyer auch das dritte Standbein von Qiagen, das Geschäft mit synthetischen Nukleinsäuren (Oligonukleotiden). Zwar sei der Bereich im zweiten Quartal wieder profitabel gewesen. Ob sich dies aufrecht erhalten lasse, sei aber fraglich, da Qiagen hier starkem Wettbewerb ausgesetzt sei. Thomas Brenning von Helaba Trust sieht das Unternehmen mit der Konzentration auf die margenstärkeren Oligonukleotide aber immerhin auf dem richtigen Weg.

Einig sind sich die Analysten bei der Bewertung der Aktie. „Das aktuelle Niveau nimmt bereits eine kräftig anziehende Nachfragedynamik vorweg“, sagt Brenning und rät zu einer neutralen Gewichtung. Auch Frohnmeyer sieht nur noch wenig Potenzial für Qiagen-Titel: „Wenn die Forschungsbudgets der Pharma- Unternehmen wieder anziehen, ist durchaus Wachstumspotenzial vorhanden. Aktuell kann ich angesichts eines KGV von mehr als 25 aber nicht zum Kauf raten.“

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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