Aktie unter der Lupe
Villeroy & Boch rückt wieder in den Fokus der Anleger

Seit heute ist die Villeroy & Boch-Aktie wieder im SDax notiert - nach dreijähriger Abstinenz. Und die Nachricht von der Rückkehr zeigt bereits positive Wirkung. Aber: Wer sich für die Aktie interessiert, der muss aus Mangel an Unternehmensanalysten auf Branchenexperten zurückgreifen. Zwei Dinge machen das Papier langfristig besonders interessant.
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FRANKFURT. Der Zustand ist ungewöhnlich, wird aber wohl nicht mehr lange anhalten: Wenn die Aktie von Villeroy & Boch heute wieder in das Kleinwertesegment SDax aufsteigt, dann ist sie dort die einzige unter 50 Papieren, zu der es keine aktuelle Analystenstimme gibt. Drei Jahre Abstinenz von den Indizes der deutschen Aktienwelt und ein durch die Finanzkrise ausgelöster Aderlass in der Analystenszene haben dazu geführt, dass selbst eine Kursverdoppelung seit dem Jahrestief Ende März bei den Experten kaum Interesse geschürt hat. Und das trotz eines Bekanntheitsgrades von über 70 Prozent in Deutschland für das im Jahr 1748 gegründete Traditionsunternehmen aus dem Saarland.

Das dürfte sich mit der SDax-Aufnahme ändern, obwohl es dafür schon der Mithilfe des Finanzvermittlers OVB gebraucht hat, dessen Anteil an frei handelbaren Aktien unter die Mindestgrenze von zehn Prozent gefallen war, weshalb der Platz für den Nachrücker Villeroy & Boch war.

Wie sehr die Rückkehr in die Indexwelt den Aktienkurs beflügelt, bekam die Aktie gleich am Mittwoch zu spüren, als die Nachricht bekannt wurde. Über sechs Prozent ging es nach oben und auch am Donnerstag stand der Titel - wenn auch nicht ganz so deutlich - auf der Gewinnerseite.

Wer sich für die Aktie interessiert, der muss aus Mangel an Unternehmensanalysten auf Branchenexperten zurückgreifen. Villeroy & Boch produziert Keramik, gewöhnlich finden sich die Produkte auf dem Esstisch als Tasse, Teller und Schüssel oder im Sanitärbereich. Hausintern heißen die beiden Unternehmensbereiche "Tischkultur" und "Bad und Wellness". Weil die gewöhnlich gehobenere Kundschaft durch die Finanzkrise in diesem Bereich zuletzt besonders gespart hat und Villeroy & Boch in die roten Zahlen rutschte, hat die Aktie in den zwei Jahren zwischen Frühjahr 2007 und Frühjahr 2009 rund 80 Prozent an Wert verloren.

Die radikale Kehrtwende, die Vorstandschef Frank Göring deswegen eingeleitet hat, hatte sechs Werksschließungen und den Abbau von mehr als 700 der im vergangenen Jahr noch mehr als 10 000 Mitarbeiter zur Folge. Dass damit die Weichen erst langfristig wieder in Richtung besserer Zeiten gestellt sind, glauben Branchenkenner und Volkswirte. Den privaten Konsum sieht Nikolaus Keis von der Unicredit wegen der EU-weiten Arbeitsplatzmisere im zweiten Halbjahr 2010 wieder wachsen. "Eine wirkliche Erholung erwarten wir erst 2011", sagt er. Gleiches gilt für den für Villeroy & Boch wichtigen US-Markt. "Hinweise auf eine deutliche Konsumbelebung gibt es nicht", interpretiert Ulrich Wortberg von der Helaba die jüngsten Konjunkturzahlen von dort. In Deutschland hat Villeroy & Boch zwar in diesem Jahr im Segment "Tischkultur" den Umsatz um 13 Prozent gesteigert. In wichtigen Märkten wie Großbritannien, den USA und Osteuropa gab es hingegen massive Einbrüche.

Zwei Dinge machen die Aktie dennoch langfristig interessant. Zum einen hoffen an der Börsen derzeit etliche, dass nach dem Krisenjahr 2009 im kommenden Jahr die Rückkehr in die schwarzen Zahlen gelingen wird. Zum anderen werden mit der Rückkehr in den SDax zumindest wieder einige Analysten einen etwas intensiveren Blick auf die Aktie von Villeroy & Boch werfen.

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