Aktien unter der Lupe
Brasilianische Banken stürmen das Parkett

Rechtzeitig vor den Turbulenzen an den internationalen Aktienmärkten haben kleine und mittelgroße Banken in Brasilien die gute Stimmung für einen Börsengang genutzt. Neun Institute haben in diesem Jahr bereits ihre Papiere platziert. Nach Angaben von Alexandre Tombini, Direktor bei der Zentralbank, bereiten noch einmal so viele Banken ihr Listing vor.

SÃO PAULO. Weitere Börsengänge könnten sich bei anhaltender Unruhe auf den Finanzmärkten jedoch verzögern; doch der Trend an die Börse dürfte anhalten: So sind die brasilianischen Bankaktien bisher kaum von den fallenden Kursen betroffen, während der Bovespa-Index seit einer Woche rund 7,5 Prozent nachgegeben hat. Das liegt einerseits daran, dass die brasilianischen Banken von steigenden Zinsen in ihrem Anleihen-Geschäft profitieren. Andererseits füllen die neuen Banken eine Marktlücke, in der sie auch in unsicheren Zeiten Geld verdienen können. Die Börsenneulinge arbeiten vielfach im so genannten „middle-market“. Institute wie Banco Daycoval, Sofisa oder Pine sind spezialisiert auf Kredite für kleine und mittelständische Unternehmen. Dieses Marktsegment ist in Brasilien wegen der hohen Zinsraten traditionell unterversorgt.

Aber auch ausländische Bankhäuser nutzen die derzeit hohe Liquidität an der größten Börse Lateinamerikas, um ihre Aktien zu lancieren. Die argentinische Banco Patagonia etwa brachte erst kürzlich Aktien in São Paulo an die Börse. Alle Banken wollen das aufgenommene Kapital nutzen, um ihr Kreditgeschäft auszuweiten: Bisher mussten sie ihre wachsenden Kreditportfolios ab einer gewissen Größe an kapitalkräftigere Banken oder Fonds weiter verkaufen. „Jetzt können diese Banken ihre Kredite erstmals ohne Probleme halten“, sagt Natalia Corfield von Dresdner Kleinwort. Das ist wichtig für das Überleben der mittleren Bankinstitute. Die seit zwei Jahren sinkenden Zinsen in Brasilien haben das Kreditgeschäft in Brasilien enorm anwachsen lassen. Dennoch zweifelt Daniel Araújo von der Risikoagentur Standard & Poor`s, dass die mittleren Banken langfristig überlebensfähig sind in ihrem Segment: „Die Großbanken können die Kleinen auf dem Kreditmarkt jederzeit an die Wand spielen“, sagt Araújo, „es gibt keine geschützte Nischen für die neuen Finanzinstitute.“

Bisher haben sich die Kurse der neuen Banken an der Börse parallel zum Markt entwickelt; wenigen gelang der Einstieg am oberen Ende des Preisskala. Die meisten Geldhäuser mussten niedrigere Eintrittspreise akzeptieren. Aus Sicht von Celso Boin, Bankenanalyst von Link Corretora, haben die Banken ihre Aktien angesichts der sinkenden Rentabilität zu teuer angeboten. „Die Kapitalrendite der meisten Banken wird nun mit vergrößerter Kapitalbasis nicht mehr so stark wachsen wie bisher", erklärt er die Zurückhaltung der Anleger. „Ausländische Investoren schreckt die Gefahr ab, dass die Banken bei der schnellen Ausweitung ihres Kreditgeschäfts auf zu vielen faulen Kredite sitzen bleiben könnten“, sagt Carlos Macedo, Stratege von Unibanco. Dennoch könnten die Kurse der neuen Geldhäuser an der Bovespa bald stärker als bisher zulegen: „Die Fusionen und Übernahmen werden jetzt rasant zunehmen“, erwartet Maria Rita Goncalves von Fitch-Rating. „Der brasilianische Bankensektor steht vor einer Neustrukturierung.“

Auch Zentralbank und Regierung haben ein Interesse an mehr Wettbewerb innerhalb der Branche, in der ein halbes Dutzend privater und staatlicher brasilianischer Geldhäuser den Markt dominiert. Regierung und Zentralbank kritisieren, dass die Spreads viel zu langsam sinken. Die Banken können wegen des fehlenden Wettbewerbs wenig für Spareinlagen zahlen und viel für Kredite verlangen. Ausländische Banken spielen bis auf wenige Ausnahmen (Santander, ABN Amro und HSBC) kaum eine Rolle im brasilianischen Einzelkundengeschäft oder haben ebenfalls kein Interesse, die für sie lukrative Situation zu verändern. Jeder Markteintritt einer ausländischen Bank muss per Präsidenten-Dekret genehmigt werden. Das dauert lange und verhindert bisher, dass durch neue Konkurrenten mehr Wettbewerb entsteht.

Der monetäre Rat hat jetzt unter Führung der Zentralbank ein Dekret ausgearbeitet, wonach ausländische Institute automatisch bis zu 45 Prozent des Kapitals einer mittleren brasilianischen Bank übernehmen können, ohne dafür die Genehmigung der Regierung einholen zu müssen. Die Chancen stehen gut, dass die Regierung die Vorlage übernimmt. „Ohne Zweifel wird sich durch die ausländische Beteiligungen die brasilianische Bankenlandschaft in fünf Jahren total verändern“, sagt Erivelto Rodrigues, Präsident von Austin Rating. Für die Börsenneulinge unter den Banken sind das gute Nachrichten: Ausländische Investoren könnten die gelisteten Institute für einen schnellen und unkomplizierten Einstieg in Brasilien nutzen – und dadurch die Aktien der Banken für Investoren attraktiv machen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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