Aktien unter der Lupe
Riskante Börsen-Aktien

Die Aktien der großen Börsen sind derzeit so begehrt wie sonst nur Titel aus der High-Tech-Branche.

DÜSSELDORF. Der Kurs der New York Stock Exchange (Nyse) stieg gleich am ersten Handelstag um 25 Prozent. Seit die US-Handelsplattform Nasdaq Interesse an der London Stock Exchange (LSE) zeigt, sind die Londoner Titel um 37 Prozent teurer geworden. Übernahmeangebote sorgen für Phantasie. Doch Profis warnen. Fundamental scheinen die hohen Kurse nicht mehr gerechtfertigt. Damit sind die Aktien der Börsen allenfalls eine spekulative Anlage, die auf die gegenwärtige Stimmung setzt.

Die Handelsplätze erleben neuen Auftrieb, seit die Volumina vor allem im Derivate-Handel und im Handel mit Terminkontrakten deutlich zugenommen haben. Zudem hat eine neue IPO-Welle kräftig steigende Einkünfte beschert. Vermehrte Übernahmen innerhalb der Branche sollen jetzt für Synergien sorgen, zudem sorgt die Öffnung der großen US-Börsen für den börsennotierten Handel für zusätzlichen Wettbewerb.

Doch inzwischen haben die Kurse Höhen erreicht, die kaum noch zu rechtfertigen sind. Die Aktie der 214 Jahre alten New York Stock Exchange wird ähnlich wie die Nasdaq zu einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von (KGV) über 60 gehandelt. Damit ist der traditionsreiche, aber auf Grund des Parketthandels eher behäbige Handelsplatz noch einen Tick teurer als die Internetsuchmaschine Google. Auch bei den europäischen Börsen hat die beliebte Kennziffer bereits bedenkliche Höhen von weit über 20 erreicht. Bezogen auf die Gewinne der letzten zwölf Monate ist das KGV dort noch deutlich höher, bei der LSE beträgt es 57.

Übertrieben? „Nach klassischen Bewertungkriterien sind die Börsen sicherlich schon teuer“, sagt Vermögensverwalter Eberhard Weinberger von der Jens Ehrhardt Capital Management, „aber hier muss man auch das Wachstumspotenzial sehen“. Auch Wertpapieranalyst Michael Long von Keefe Bruyette & Woods in London weist auf die stark steigenden Umsatzzahlen der Börsen hin. So habe die Vierländerbörse Euronext über das Jahr gerechnet zuletzt einen Zuwachs von 37 Prozent im Derivatehandel verzeichnet. Die Handelsprovisionen als wichtige Einkunftsquellen der Börsen steigen auch mit der zunehmenden Volatilität der Aktienmärkte. Da die Börsen überwiegend Fixkosten haben, werden zusätzliche Volumina nahezu ungeschmälert gewinnwirksam. Hinzu kommt: Mit jeder neuen Fusion können die Börsen ihren Handel zusammenlegen und kräftig Kosten sparen.

Doch um die gegenwärtigen Kurse zu rechtfertigen, müssten diese Faktoren für immense Umsatzsteigerungen sorgen. Das ist keineswegs garantiert. So warnt Wertpapieranalyst Derek Chambers von Standard & Poor’s in London, dass die Orders überwiegend von den großen Investmentbanken kommen. „Diese Kunden können Druck auf die Provisionen ausüben“, sagt er. Bei allen Börsen sei der Kurs schon zu weit nach oben gegangen.

Auch Johannes Thormann von der WestLB hält die London Stock Exchange und die Deutsche Börse schon für zu teuer, sieht aber auf Grund der Fusionsphantasien noch Kurspotenzial bei Euronext. Das derzeitige Kursniveau der US-Börsen gilt ohnehin als überteuert. Richard Repetto von Sandler O’Neill hat die Nyse sofort auf die Verkaufsliste gesetzt. Sie gilt als etwas schwerfällig und musste Marktanteile abgeben.

Die Rally der Börsentitel könnte allerdings noch andauern. Sobald neue Übernahmeangebote bekannt werden, steigen die Kurse, glaubt Weinberger. Wertpapieranalyst Olaf Kayser von der Landesbank Rheinland Pfalz sagt: „Man kann nicht ausschließen, dass die Übertreibung am Markt noch eine ganze Weile andauert.“

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