Aktien unter der Lupe
Unilever verschläft die Hausse

Analysten stufen das Umsatzwachstum des niederländisch-britischen Konsumgüterherstellers als unterdurchschnittlich ein und empfehlen die Aktie deswegen auch nur vereinzelt zum Kauf. Ein seltenes Bild unter europäischen Blue Chips.

DÜSSELDORF. Ob ein Investor mit der Kursentwicklung der Unilever-Aktie zufrieden ist, hängt wie bei sonst kaum einer anderen Aktie vom Betrachtungszeitraum ab: In den letzten 15 Jahren verdienten Anleger mit den Anteilsscheinen des Konsumgüterherstellers im Schnitt üppige 11,3 Prozent pro Jahr, einerseits. Auch die schlimmen Börsenjahre 2000 bis 2003 umschiffte die Unilever-Aktie nahezu ohne Verluste.

Doch andererseits lief die Hausse der letzten vier Jahre auch komplett an Unilever vorbei. Mit aktuell knapp 20 Euro notiert die Aktie auf dem gleichen Kursniveau wie bereits Anfang 2003, und glaubt man den Empfehlungen der Analysten, besteht derzeit wenig Hoffnung auf Besserung. Knapp drei Viertel aller 37 Analysten raten dazu, die Aktie zu „halten“ oder gar zu „verkaufen“.

Analysten kritisieren vor allem das im Branchenvergleich unterdurchschnittliche Umsatzwachstum. Mit einem um 3,8 Prozent auf 39,6 Mrd. Euro gestiegenen Konzernumsatz erreichte Unilever zwar das selbst gesteckte Ziel von drei bis fünf Prozent Umsatzwachstum pro Jahr. Doch Konkurrent Nestlé gab für das Jahr 2006 einen Umsatzanstieg von 6,2 Prozent bekannt, Danones Erlöse stiegen im vergangenen Jahr gar um 9,7 Prozent. Überdies setzten die in den letzten Jahren drastisch gestiegenen Rohstoffkosten die Margen unter Druck. „Unilever schließt ein viertes Jahr in Folge mit sinkenden Margen nicht aus“, schreibt UBS-Analyst Alan Erskine in einer Studie zu den Unilever-Jahreszahlen.

Er gehört aber auch zu den wenigen Analysten, die das Papier zum Kauf empfehlen. Er führt als Begründung für sein Anlageurteil vor allem die Möglichkeit eines Wechsels der bisherigen Unternehmensstrategie und einen noch radikaleren Umbau des Markenportfolios an. „In unseren Augen reflektiert die aktuelle Bewertung nicht die Chancen eines solchen Umbaus“, so Erskine.

Derzeit rechnen Analysten im Durchschnitt mit einem Gewinn je Aktie von 1,33 Euro im laufenden und 1,42 Euro im nächsten Jahr. Daraus errechnet sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 für 2007 und 14 für 2008. Für die Analysten von Credit Suisse bleibt Unilever jedoch trotz der optisch günstigen Bewertung „der riskanteste Wert unter den vier großen europäischen Konsumgüterherstellern Danone, Nestlé, Cadbury und Unilever“.

Die Analysten haben in ihrer jüngsten Analyse einen engen Zusammenhang zwischen Umsatzwachstum und Aktienkursentwicklung festgestellt. „Entweder bleibt das Umsatzwachstum weiterhin schwach, oder aber das Unternehmen muss seine Marketingausgaben massiv steigern – all dies vor dem Hintergrund, dass die Rohstoffpreise weiter steigen könnten“, schreiben die Analysten der Investmentbank Credit Suisse und raten zum Verkauf der Aktie. Als Schutz auch in unsicheren Börsenzeiten könnte sich im Hinblick auf die Unilever-Aktie indes die aktionärsfreundliche Unternehmenspolitik erweisen. Erst vor zwei Wochen kündigte Konzernchef Patrick Cescau für das laufende Jahr den Rückkauf eigener Aktien für 1,5 Mrd. Euro an. Die Luft dafür schaffen der freie Cash-Flow von 4,2 Mrd. Euro im abgelaufenen Jahr und der Abbau der Verbindlichkeiten: Im Jahr 2000 übernahm der seinerzeit schuldenfreie Konzern den US-Nahrungsmittelhersteller Bestfoods für rund 26 Mrd. Euro auf Kredit.

Inzwischen hat Unilever die Nettoschulden auf 7,5 Mrd. Euro zum Jahresende 2006 reduziert. Da der Konzern zudem eine seit Jahren ausschüttungsfreundliche Unternehmensstrategie verfolgt, fließen rund 60 Prozent der Gewinne in Form der Dividende an die Aktionäre. Für das laufende Jahr beträgt die von Analysten erwartete Dividende damit 79 Cents je Aktie. Das entspricht einer Dividendenrendite von vier Prozent. Und wie wichtig die Dividende für die Gesamtrendite von Unilever ist, zeigt ein Blick auf die Erträge in den letzten zehn Jahren: In diesem Zeitraum legte der Aktienkurs lediglich um 4,7 Prozent pro Jahr zu, inklusive der Dividenden hingegen um 8,8 Prozent pro Jahr. Das heißt: Rund 55 Prozent der Zugewinne der letzten zehn Jahre speisen sich aus Dividenden.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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