Analysten erwarten weitere Kursanstiege
Türkische Börse hofft auf EU-Bonus

Die türkische Börse in Istanbul hat gestern einen kleinen Freudensprung gemacht: Der Leitindex ISE 100 stieg um gut drei Prozent. Grund war die Empfehlung der EU-Kommission, mit dem Land Beitrittsverhandlungen aufzunehmen. Doch der Startschuss für eine Rally der Börse am Bosporus war das nicht. Erstens war die Empfehlung erwartet worden. Und zweitens ist die Rally schon in vollem Gange. Die Frage ist, ob sie noch anhält oder ob sie bald zu Ende geht.

ISTANBUL. Anleger, die sich in den vergangenen Monaten an der Istanbuler Börse engagiert haben, sind alles andere als schlecht gefahren. Um fast 40 Prozent legte der ISE 100 seit Mai zu. Der steile Anstieg mahnt deshalb auch zur Vorsicht: Viel Europa-Euphorie sei bereits eingepreist, warnen Marktbeobachter in Istanbul. Und wer auf eine Konvergenzrally setzt, müsse möglicherweise viel Geduld mitbringen. Denn die Beitrittsverhandlungen könnten selbst nach Einschätzung des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan bis zu 15 Jahre dauern. Überdies werden die Verhandlungen „ergebnisoffen“ geführt, einen Beitritts-Automatismus dürfe es nicht geben, unterstreicht Erweiterungskommissar Günter Verheugen. Bei der Konvergenzrally hoffen Anleger darauf, dass die Türkei eine wirtschaftsfreundlichere Politik macht, um die Voraussetzungen für den EU-Beitritt zu erhöhen.

Vor dem Land liegt also noch ein langer Weg, der zu ernsten Rückschlägen und sogar einem Scheitern der Verhandlungen führen könnte. Wie empfindlich die Istanbuler Märkte auf politische Turbulenzen reagieren, zeigte sich Ende vergangenen Monats, als die Regierung mit ihren Plänen zur Kriminalisierung des Ehebruchs für Irritation in Brüssel sorgte. Binnen weniger Tage brachen die Aktienkurse um rund zehn Prozent ein. Inzwischen sind die Verluste zwar mehr als wettgemacht, und der Index erklomm ein neues historisches Hoch, aber einmal mehr zeigte sich, wie stark die Bosporusbörse, positiv wie negativ, politisch getrieben ist.

Die makroökonomischen Vorgaben sind allerdings gut. Mit fünf Prozent Wirtschaftswachstum rechnet die Regierung für dieses Jahr, der Internationale Währungsfonds (IWF) hält sogar zehn Prozent für möglich. Anzeichen einer Überhitzung gibt es bisher nicht. Die Inflation fiel im September unter zehn Prozent und liegt damit auf dem niedrigsten Stand seit über 30 Jahren. Die Lira hat sich stabilisiert. Die Arbeitslosigkeit ist rückläufig, die Türkei tilgt ihre Schulden planmäßig und verhandelt mit dem IWF über ein neues Beistandsprogramm.

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