Analysten räumen mit Vorurteilen auf Zykliker sehen auch bei einer Zinswende gut aus

Steigende Zinsen lassen die Börsen fallen und allenfalls defensive Branchen gut aussehen. Hingegen verlieren konjunkturempfindliche Aktien, weil die – häufig hoch – verschuldeteten Unternehmen Kredite benötigen. So lautet eine Börsenweisheit. „Falsch“, sagen die Aktienstrategen der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP).

DÜSSELDORF. Andreas Hürkamp und sein Team haben Leitzinswenden seit den siebziger Jahren analysiert. Das Ergebnis liegt dem Handelsblatt vor. Danach laufen Zykliker vor und nach Beginn einer Zinswende besser als der Gesamtmarkt, Versorger- und Pharma-Aktien hingegen schlechter. Zur eigentlichen Sektorrotation kommt es erst lange nach der Zinswende.

Weil höhere Zinsen festverzinsliche Anlagen attraktiver machen und gleichzeitig Unternehmensgewinne schmälern, geraten die Börsen unter Druck. Diese Sichtweise stimmt – mit Einschränkungen. Denn die 20 Zinstiefs im vergangenen Jahrhundert zeigen, dass sich die Börsen nach Beginn einer Zinswende vom ersten Rückschlag rasch erholen. Statistisch gesehen notiert der Dow Jones ein halbes Jahr nach der ersten Zinserhöhung um 3 % höher. Erst mehrere Zinsschritte hintereinander bremsen die Kurse aus, wie Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin errechnet hat.

Vor dem Hintergrund der negativen Folgen höherer Zinsen für die Konjunktur lautet eine häufige Empfehlung, zyklische Brachen unterzugewichten und auf defensive Werte zu setzen. So verbreitet die Empfehlung sein mag, die Umsetzung hatte während und nach den US-Zinswenden von 1977, 1984, 1986, 1994 und 1999 keinen Erfolg. Vielmehr laufen konjunktur-sensitive Aktien auch nach dem ersten Zinsschritt gut. „Während einer Zinswende konnten sich regelmäßig die Konjunkturhoffnungen gegen Zinsängste durchsetzen“, sagt Hürkamp.

Bereits im Quartal vor dem ersten Zinsschritt kristallisierte sich stets eine Underperformance (schlechtere Entwicklung als der Gesamtmarkt) bei defensiven Versorger- und Pharma-Titeln heraus. Beispiel RWE: In keiner der genannten Periode entwickelte sich die Aktie ein Quartal vor und nach der Zinswende besser als der Dax.

Ähnlich sieht es bei Pharma aus. Ein halbes Jahr vor dem ersten Zinsschritt entwickelte sich der Sektor besser, doch im Quartal vor dem ersten Zinsschritt kam es hier regelmäßig zur Underperformance, die auch nach der ersten Zinserhöhung anhielt. So ging bei der Henkel-Aktie – Ausnahme 1994 – die gute Performance aus den Quartalen vor der Zinswende in eine deutliche Underperformance während und nach dem ersten Zinsschritt über.

Etwas besser schneidet der ebenfalls defensive Öl-Sektor ab. Im Quartal vor und nach der Zinswende kam es stets zur Outperformance (besser als der Gesamtmarkt), anschließend aber zu einer Underperformance. Die BP-Aktie zeigt, dass Kurserholungen nach dem ersten Zinsschritt eine gute Gelegenheit waren, das Anlage-Gewicht in dem Sektor abzubauen.

Hingegen schneiden konjunktur- sensitive Werte nach einer Zinswende gut ab. Bei Aktien aus den Bereichen Bau und zyklische Industriegüter ermittelte die LRP im Quartal vor und nach dem ersten Zinsschritt eine Outperformance, die erst im zweiten Quartal nach der Zinswende auslief. Philips und MAN verdeutlichen, dass zyklische Unternehmen auch nach einer ersten Zinserhöhung Potenzial haben.

Fazit: Die Analyse vergangener Zinswenden lehrt, dass Anleger nicht zu frühzeitig eine Sektorrotation nach dem Motto „Raus aus Zyklikern, hinein in die Defensive“ vornehmen sollten.

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