Analysten stimmen wieder optimistischere Töne an
Gedeihlicher Nach-Sommer bei der Telekom

16. Juli 2002, kurz vor 18.00 Uhr in Bonn. Ein eben mittelgroßer, graumelierter Mann tritt vor die Weltpresse.

vwd DÜSSELDORF. „Ich habe mich der Realität zu stellen, dass der Aufsichtsrat nicht mehr uneingeschränkt zu mir steht“, sagt er, äußerlich wie immer ungerührt und picobello: Ron Sommer wirft, nach einer beispiellosen politischen Treibjagd, das Handtuch; die Telekom ist auf dem Tiefpunkt ihres Ansehens gelandet. Inzwischen, ein Jahr nach dem Rücktritt, hat sich das Blatt gewendet: Der Aktienkurs steigt, der Schuldenberg sinkt, ein Analyst nach dem anderen stuft das Unternehmen hoch, und Sommers Nachfolger Kai-Uwe Ricke präsentiert einen Gewinn.

Es hat sich Einiges getan in den vergangenen zwölf Monaten. Keine Umwälzungen zwar und auch keine revolutionären Neuerungen. Vielmehr solides handwerkliches Management, das nun im kleineren und größeren Rahmen seine Wirkung zeigt. „Ricke leistet eine effektive, gute Arbeit“, attestiert Andreas Gentner, Partner bei der Unternehmensberatung Deloitte Consulting. Der Vorstandsvorsitzende konzentriere sich auf operative Verbesserungen und tue damit unter den gegebenen Umständen genau das Richtige: „Die Deutsche Telekom AG steht heute besser da als ein Jahr zuvor“, so der Branchenkenner.

Solche Töne sind auch bei Analysten zu vernehmen. „Fundamentalökonomisch geht es dem Unternehmen sogar besser denn je“, meint beispielsweise Frank Rothauge, der den Konzern seit Jahren für das Bankhaus Oppenheim beobachtet. Seine Prophezeiung: „2004 wird die Telekom mit weitem Abstand die profitabelste Gesellschaft in Deutschland sein“, sagt er mit Blick auf den erwarteten freien Cash-Flow. Seine Einstufung: Die T-Aktie sollte sich als „Outperformer“ besser entwickeln als der Markt und wäre mit 23 Euro fair bewertet. Derzeit notiert sie, nach den jüngsten Turbulenzen um die geplante Umtauschanleihe der Kreditanstalt für Wiederaufbau, bei rund 13 Euro.

Ein Blick auf die Ratings anderer Häuser zeigt ein ähnliches Bild. Zuletzt empfahl zu Wochenbeginn die Investmentbank Merrill Lynch das Papier mit Kursziel 15,50 Euro zum Kauf, nachdem sie es zuvor auf „Neutral“ stehen hatte. Wichtig außerdem: Kürzlich hat die kritische Ratingagentur Moody's die Telekom gelobt. Die positiven Kommentare setzten massiert Mitte Mai ein, als Ricke zum ersten Quartal überraschend einen Reingewinn von bereinigt 100 Mill. Euro präsentierte und für ganz 2003 eine „schwarze Null“ in Aussicht stellte. Das Geschäftsjahr 2002 hatte die Telekom noch mit dem in der Bundesrepublik nie da gewesenen Verlust von fast 25 Mrd. Euro abgeschlossen.

Hierin finden sich allerdings hohe Sonderabschreibungen vor allem auf die teuer eingekauften UMTS-Lizenzen und die Mobilfunktöchter in den USA und Großbritannien. Sie fallen in das Intermezzo des Helmut Sihler, der bis zu Rickes Antritt Mitte November die Rolle des „großen Bellheim“ spielte. Er ließ das Unternehmen auf Herz und Nieren überprüfen mit dem Ergebnis, dass die „Vier-Säulen-Strategie“ beibehalten wurde. Die Nachfolgersuche dauerte zwar und wurde hämisch kommentiert. Doch im Rückblick zeigt sich: Sihler hatte mit der Berufung des „Sommer-Ziehsohnes“ Ricke eine glückliche Hand.

Der damals gerade 41 Jahre junge Manager machte sich umgehend ans Werk. „Entschuldung und Wachstum“ - diese anspruchsvolle Kombination gab er als Marschrichtung aus. In den folgenden Monaten wurden reihenweise nicht strategische Beteiligungen verkauft, um Geld zum Abbau der Verbindlichkeiten zu bekommen. Mit dem Ergebnis, dass zum ersten Quartal bereits knapp fünf Mrd von geplanten sechs Mrd Euro in die Kasse flossen. Weitere sechs Mrd. Euro sollen aus dem Zahlungsmittelüberschuss kommen. Allein von Januar bis März nahm die Telekom zwei Mrd. Euro an Free-Cash-Flow ein. Die Folge: Die Schulden gingen auf 56 von 61 Mrd. zurück.

Effizienteres Arbeiten führte zudem in den ersten drei Monaten zu Einsparungen von 400 Mill. Euro. Einige der Maßnahmen waren sicher schon unter Sommer vorgezeichnet. Auf Rickes Konto geht aber der organisatorische Neuansatz, den Divisionen Festnetz, Mobilfunk, Internet und Systemlösungen mehr Verantwortung zu geben, damit sie auch untereinander wettbewerblicher agieren. Im Konzernvorstand haben die Sparten entsprechend direkte Verantwortliche bekommen. „Ricke hat hier einen alten Zopf abgeschnitten“, sagt Analyst Rothauge - der im Übrigen meint, die Telekom wäre auch unter Sommer über kurz oder lang auf Konsolidierungskurs gegangen.

Eines aber hätte sich wohl schwerlich geändert: Mit dem ruhig, sachlich und höflich, aber auch locker auftretenden Ricke kehrte auch eine andere „Unternehmenskultur“ bei der Telekom ein: Kollegialität statt „One-Man-Show“. Der Neue ist sich beispielsweise nicht zu schade, auch mal in die Rolle eines Verkäufers im T-Punkt zu schlüpfen. Qualität steigern, auf Kundenwünsche eingehen - das sind weitere wichtige Punkte auf Rickes Agenda. Aber er muss auch neue Wachstumsquellen erschließen. Denn im Mobilfunk sind die goldenen Zeiten vorbei, auch wenn es besonders bei der vor einem Jahr schon tot geredeten Voicestream gut läuft.

In der größten Sparte, dem Festnetz, kann die Telekom zwar auf stabile Einnahmen hoffen. Ein Rüffel aus Brüssel und die Liberalisierung der Ortsnetze kamen ihr wie gerufen, um im Herbst die Preise für ihre 29 Mio Telefonanschlüsse anzuheben. Da auf diese Weise gleichzeitig der Abstand zu den Vorleistungsentgelten wächst, dürften auch die Wettbewerber profitieren - auch hier setzt Ricke offenbar eher auf ein auskömmliches Miteinander. Vom Festnetz sind jedoch keine Wachstumsimpulse zu erwarten. Die sieht Analyst Rothauge in der dritten großen Säule, den Systemlösungen: „Hier hat die Telekom mittelfristig eine ausbaufähige Position.“

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