Analystenmeinung
Polit-Hickhack lässt Finanzmärkte kalt

Die Krise der SPD nach dem Rückzug von Parteichef Müntefering ist nach Einschätzung von Analysten Ausdruck eines Linksrucks und des Reformunwillens. Damit wachse die Unsicherheit und die Wahrscheinlichkeit von baldigen Neuwahlen. Die Finanzmärkte schüttelten die Nachrichten aus Berlin jedoch weitgehend unbeeindruckt ab.

HB BERLIN. „Die Machtdemonstration der Linken in der SPD bestätigte noch einmal, dass die Reformkräfte in Deutschland nicht sehr stark sind“, sagte HypoVereinsbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Reformen haben in Deutschland keine Mehrheit.“

Commerzbank-Wirtschaftspolitik-Experte Eckart Tuchtfeld sprach von einem Linksruck in der SPD: „Der linke Flügel hat die Muskeln angespannt - mit einem bemerkenswerten Ergebnis.“ Wie Krämer geht er aber weiter vom Zustandekommen einer großen Koalition aus.

Müntefering hatte am Montag angekündigt, beim Parteitag in zwei Wochen in Karlsruhe nicht wieder als SPD-Vorsitzender anzutreten und damit die SPD in eine tiefe Krise gestürzt.

Die Finanzmärkte schüttelten die Nachrichten aus Berlin weitgehend unbeeindruckt ab. „Das Hickhack in Berlin spielt derzeit keine Rolle“, sagte ein Aktienhändler. „Die Unternehmen werden ihre Restrukturierungen so oder so vorantreiben.“ Auch Krämer betonte, die Unternehmen - besonders die börsennotierten Firmen - hätten sich schon bislang in einem schwierigen Umfeld behauptet. „Die Wirtschaft macht sich schon längst keine Illusionen mehr über das, was Politik auszurichten vermag.“

Während die Analysten noch von einer Koalition aus Union und SPD ausgingen, verwiesen sie gleichzeitig auf die gestiegene Unsicherheit. Der Linksruck in der SPD könnte die Lebensdauer einer solchen Koalition verkürzen, schrieb Holger Schmieding von der Bank of America in einer Analyse. „Ohne ihn (Müntefering) und ohne (CSU-Chef Edmund) Stoiber auf der anderen Seite, könnte eine große Koalition unter viel größeren Druck aus der SPD und aus CDU/CSU kommen als sonst.“

Allerdings können die Finanzmärkte auch Neuwahlen wenig abgewinnen. „Ein erneuter Schub für den Dax ist nicht zu erwarten, da dies ein Beweis für die politische Unsicherheit wäre“, sagte der Aktienhändler. Auch Krämer ist skeptisch: „Neuwahlen würden nicht als Befreiungsschlag begrüßt werden. Nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen war das noch so, die Märkte haben aber gelernt.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%