Bewertungen von Substanz- und Technologiewerten liegen nahe beieinander – Erste Fondsmanager schwenken um
Wachstumstitel gewinnen an Attraktivität

So günstig wie heute waren Wachstumswerte („growth“) im Vergleich zu Substanzaktien („value“) bisher äußerst selten in der Geschichte. Entsprechend findet derzeit unter Fondsmanagern und Anlageberatern eine Akzentverschiebung statt. Standen vor allem infolge der geplatzten Technologie-blase vor fünf Jahren als konservativ geltende Value-Werte fast ausschließlich im Fokus, öffnen sich die Experten mehr und mehr den lang vernachlässigten Growth-Titeln.

HB FRANKFURT/M. Das Phänomen, dass beide Bereiche in ihren Bewertungen so nahe beieinander lagen, gab es nach Berechungen von Inigo Fraser-Jenkins von Lehman Brothers in London zuletzt im Jahr 1994.

Zwei Gründe sprechen für die stärkere Berücksichtigung von Wachstumstiteln: Zum einen gelten die Aktienmärkte derzeit unter Experten als gut abgesichert nach unten. Ein Einbruch wie einst zu Zeiten der Technologieblase ist demnach nicht zu erwarten. Zum anderen rechnen Analysten bei Wachstumsbranchen wie Software, Internet, Halbleiter und Biotechnologie nach jahrelanger Flaute wieder mit hohen Zuwachsraten. Diese sind aber von einer Phase der Überhitzung noch weit entfernt. Einzig die Gefahr, die in den Medien sehr präsenten so genannten „Glamour Stocks“ zu kaufen und damit einem Trend hinterherzurennen, besteht. Nahezu alle Titel der Solarbranche gehören derzeit beispielsweise dazu.

Aktien aus anderen Wachstumsbereichen sind in den meisten Portfolios hingegen noch immer unterrepräsentiert – auch bei Fondsmanagern, die einen reinen Growth-Ansatz fahren. Dass sich damit gute Renditen erzielen lassen, beweist Anko Beldsnijder, der bei Mainfirst den Avantgarde Stock Fund managt. Der erst im Mai 2004 aufgelegte Fonds hat seither über 40 Prozent an Wert zugelegt, selbst im gewöhnlich schlechten Börsenmonat September waren es 6,5 Prozent. Allerdings bedarf es wegen des insgesamt höheren Risikos eines äußerst disziplinierten Investmentansatzes.

Beldsnijder geht bei der Auswahl der Einzeltitel nach fünf Kriterien vor. Zum einen muss sich das Unternehmen bei der Entlohnung des Vorstandes an dem Shareholder-Value-Ansatz orientieren. Des weiteren bedarf es einer überdurchschnittlichen Entwicklung von Cash-Flow und Gewinn. Zudem sollte das Unternehmen in seiner Sparte Marktführer sein, ein qualitativ hohes Management besitzen und in puncto Informationstechnologie auf dem allerneuesten Stand der Dinge sein. Zu den erfolgreichsten der 77 in dem Fonds enthaltenen Aktien zählten zuletzt Solarworld und Tomtom, ein niederländischer Anbieter von Navigationsgeräten.

Andere Investoren gehen in erster Linie nach dem Kriterium „hohes Wachstum bei niedriger Bewertung“ vor. Zu den interessantesten europäischen Titeln gehören demnach laut Inigo Fraser-Jenkins speziell Infineon sowie die Telekomtitel Telefonica, Bouygues und Deutsche Telekom. Daneben ragen auf der Liste von rund 30 interessanten Unternehmen speziell die deutschen Chemie- und Pharmawerte heraus. BASF, Bayer, Fresenius Medical Care, Celesio und Schering bieten demnach ebenfalls beste Chancen.

Ein genereller Schwenk hin zu Wachstumswerten lässt sich auch weiterhin nicht ausmachen. Zahlreiche Analysten haben sich zuletzt mit dem Phänomen beschäftigt und begründen es mit außergewöhnlich hohem jährlichen Wachstum der Substanztitel. Bereits seit dem Zusammenbruch der Aktienmärkte entwickeln sich Value-Werte, die sich durch niedrige Bewertungen und hohen Dividendenrenditen auszeichnen, besser als Growth-Titel. Dort setzen Anleger auf hohes Gewinnwachstum und lassen sich auch von hohen Bewertungen und niedriger Dividendenrendite nicht abhalten.

Doch es sind nicht nur die zuletzt außergewöhnlich hohen Gewinnzuwächse konservativer Titel, die für ein Engagement dort sprechen. „Viele Value-Aktien verlieren zwar durch eine überdurchschnittliche Kursentwicklung ihren Value-Status. Da aber ständig neue Substanzwerte hinzukommen, lebt das Value-Phänomen weiter“, sagt Christoph Sporer von der Westfalenbank. Die Privatbank mit starkem Schwerpunkt bei vermögenden Privatanlegern rät ihren Kunden deshalb, bei der Aktienauswahl auch in Zukunft zuerst auf Substanz zu schauen, Wachstumskriterien sollten inzwischen aber nicht mehr völlig vernachlässigt werden.

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