Börsencrash in China
Die Dotcom-Blase lässt grüßen

Binnen eines Monats ist Chinas Aktienmarkt um ein Drittel eingebrochen. Studien vergleichen die Talfahrt mit der Dotcom-Blase Anfang des Jahrtausends sowie dem Wall-Street-Crash 1929 – und sehen bedrohliche Parallelen.
  • 0

FrankfurtFür chinesische Anleger klingt eine aktuelle Studie der Deutschen Bank wie ein Albtraum. Die spektakuläre Rally am dortigen Aktienmarkt sei was Geschwindigkeit und Ausmaß anbelangt vergleichbar mit dem Boom der US-Technologiebörse Nasdaq vor dem Platzen der Dotcom-Blase gewesen. Zwischen Mitte 2014 und Juni 2015 haben die Aktienkurse in China um 150 Prozent zugelegt.

Der Vergleich mit der Nasdaq hat es in sich: Der US-Technologieindex hat 15 Jahre gebraucht, um sich von seinem Absturz nach dem Internet-Boom zu erholen. Erst im April dieses Jahres erreichte der Index wieder das Niveau von März 2000. Auf dem Höhepunkt der Blase war beispielsweise das US-Netzwerkunternehmen Cisco Systems zeitweise 550 Milliarden Dollar wert - mehr als heute die fünf größten Dax-Unternehmen kosten. Danach erlebte das Unternehmen allerdings so wie viele andere Schwergewichte aus dem Index eine beispiellose Talfahrt.

Damals trieb die Aussicht auf Gewinne durch die neuen Technologien die Kurse. In China waren es aus Sicht der Deutschen Bank vor allem drei Faktoren: Erstens habe die Aussicht auf eine Lockerung der Geld- und Fiskalpolitik die Kurse getrieben.

Zweitens hätten Kleinanleger am chinesischen Aktienmarkt eine sehr wichtige Rolle bei der Rally gespielt. Sie hielten zwar nur 20 Prozent der Marktkapitalisierung , stünden aber für 80 Prozent des Umsatzes. Allein in diesem Jahr seien 66 Millionen Aktienkonten von Kleinanlegern neu hinzugekommen. Anders als institutionelle Investoren gelten Kleinanleger als besonders anfällig für Kursübertreibungen, weil sie in der Regel über weniger Kenntnisse und Informationen über die Unternehmen verfügen.

Schließlich seien drittens Aktiengeschäfte in China immer stärker auf Pump finanziert worden. Der Anteil solcher Geschäfte habe sich seit Mitte 2014 verfünffacht. Auch hier gilt: Ein hoher Anteil schuldenfinanzierter Aktienkäufe wirkt tendenziell trendverstärkend. Denn wenn die Kurse fallen, sind solche Anleger schnell gezwungen Aktien zu verkaufen, um ihre Schulden zurückzahlen zu können.

Auch andere Experten versuchen derzeit die weitere Entwicklung an Chinas Aktienmärkten mit Hilfe bekannter Kursmuster aus der Vergangenheit vorherzusagen – und gelangen dabei ebenfalls zu düsteren Prognosen: So sieht etwa Tom DeMark Kursparallelen zum Börsencrash von 1929 in den USA. Der bekannte Börsen-Augur, der den Tiefpunkt des Shanghai Composite Index im Jahr 2013 korrekt vorhergesagt hatte, erwartet diesmal, dass das chinesische Marktbarometer in den kommenden drei Wochen um weitere 14 Prozent einbricht auf 3.200 Punkte. Das wäre ein Rückgang um insgesamt 38 Prozent gegenüber dem Hoch am 12. Juni.

In einem Telefoninterview am Montag sagte er, die Indexbewegungen seit März entsprächen denen des Dow Jones Indexes im Jahr 1929, der damals bis zu 48 Prozent verloren hatte.

Die chinesische Wertpapieraufsicht hat zwar Spekulationen zurückgewiesen, dass die Politik ihre Stützungsmaßnahmen für den Aktienmarkt zurückziehen werde. Dennoch wächst die Angst, dass diese nicht von Dauer sein werden, wenn sich die Konjunktur abkühlt. „Die Würfel sind gefallen“, sagte DeMark. „Man kann den Markt nicht manipulieren. Es sind Fundamentaldaten, die die Märkte bestimmen.“ DeMark, 68, beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren damit, Indikatoren für Wendepunkte am Markt zu entwickeln.

Seite 1:

Die Dotcom-Blase lässt grüßen

Seite 2:

Warum die Stützungsmaßnahmen verpuffen werden

Kommentare zu " Börsencrash in China: Die Dotcom-Blase lässt grüßen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%