Börsenexperten erwarten keine Kurseinbrüche
Dax-Ausblick: Ölpreis bestimmt den Trend

Der Deutsche Aktienindex (Dax) wird sich nach Einschätzung von Aktienstrategen in der kommenden Woche weiter in der Nähe der wichtigen Marke von 5000 Punkten bewegen. Der hohe Ölpreis bremse die Kauflaune der Anleger zwar etwas, kräftige Kursverluste seien aber nicht zu erwarten, sagen Experten.

HB FRANKFURT. "Der Markt wird wohl weiter ein wenig auf der Stelle treten", sagte Günter Senftleben, Aktienstratege von der Bankgesellschaft Berlin. Er rechnet damit, dass sich der Dax in der kommenden Woche in einer Spanne von 4800 bis 5000 Punkten bewegen wird. Der Markt suche nach dem Ende der Berichtssaison Orientierung und widme sich deswegen stärker dem hohen Ölpreis und seinen Auswirkungen auf die Wirtschaft, ergänzt Senftleben. Erst am Freitag vergangener Woche hatte der Preis für ein Barrel (159 Liter) US-Leichtöl ein Rekordhoch von über 67 Dollar erreicht. Seitdem hat der Dax 0,7 Prozent an Wert verloren.

"Der Ölpreis ist eine Belastung für den Aktienmarkt, denn er schürt Inflationsrisiken und kann sich negativ auf die Unternehmensgewinne niederschlagen", sagt Senftleben. Sein Kollege Carsten Klude von MM Warburg sieht den Ölpreis ebenfalls als Negativfaktor, schätzt die Stimmung am Markt aber trotzdem als gut ein. "Wenn der Ölpreis keinen deutlichen Sprung nach oben macht, könnte es im Dax wieder etwas nach oben gehen. Die 5000 Punkte bleiben in Reichweite, aber der Dax wird sie wohl nicht unbedingt in der kommenden Woche überspringen", prognostiziert er. Klude erwartet in der kommenden Woche angesichts fehlender Impulse keine kräftigen Kursausschläge an den Aktienmärkten. "Wir sind mitten im Sommerloch."

Den nächsten kräftigen Schwung für den Dax erwartet Aktienstratege Senftleben im Herbst mit neuen Quartalszahlen der Unternehmen. "Der September ist traditionell ein schlechter Börsenmonat. Erst danach dürfte die neue Berichtssaison für Impulse am Markt sorgen." Auch Fondsmanager Markus Steinbeis von Activest sieht für den deutschen Aktienmarkt Potenzial nach oben. "Die Bewertung ist günstig. Und die Restrukturierung der Unternehmen und die politische Reformen machen den Standort Deutschland wettbewerbsfähig", sagt er.

Ausländer setzen auf Regierungswechsel

Diese saisonalen Bewegungen greifen nur in normalen Jahren, meinen indes andere Analysten, doch 2005 ist ein Wahljahr. Die bevorstehende Bundestagswahl hat vor allem das Auge ausländischer Anleger auf Deutschland gerichtet. Sie sehen die Chancen nach einem Regierungswechsel und preisen diese Hoffnungen ein. Wie hoch diese Hoffnungen sind, thematisierte das Wirtschaftsmagazin "The Economist": Mit einem muskelbepackten Bundesadler auf dem Titelblatt spricht sie von "Deutschlands überraschender Wirtschaft".

Obwohl die Argumente der Story im Inneren alt sind, zeigen sie, wie hoch das Interesse des Auslands und damit ausländischer Anleger ist. Der "Economist" führt die Erholung Deutschlands auf Lohnzurückhaltung und deutlich gesunkene Lohnstückkosten zurück. Für Firmen führte dies per saldo zu den deutlich verbesserten Gewinnmargen, die das Investmentthema des vergangenen Jahres waren.

Für Börsianer, die gewöhnlich dem Wirtschaftszyklus vorgreifen, stellt sich daher die Frage nach aktuellen und künftigen Investmentthemen. Hier hoffen viele weiterhin auf die "Wachstumsüberraschung im dritten Quartal". Dies unterstrich auch die jüngste Umfrage unter Fondsmanagern durch Merrill Lynch.

Investitionen wieder gefragt

Als Ursache wird oft darauf verwiesen, dass die Kosteneinsparungen der letzten Jahre nach unten übertrieben und zu viele Kapazitäten abgebaut wurden. Die überraschend hohen Auftragseingänge überfordern die Restkapazitäten und erfordern Erweiterungsinvestitionen (Capital Expenditures, kurz "Capex"). Nachdem drei Jahre lang die Abschreibungen über den Investitionen lagen, wird ein steigender "Capex"-Wert wieder als Investmentthema identifiziert. Von Morgan Stanley hieß es dazu, dies könne sogar zu einer ungewöhnlichen Börsenperiode führen, in der die Börse jene Firmen belohne, die ihre Investitionen erhöhten: "Invest in those, that invest". Dies könnte vor allem die Performance klassischer Standardwerte wie MAN und Linde erklären.

Zudem inspiriert die Hoffnung auf frische politische Impulse durch neue Köpfe: Händler sprechen hier bereits von Kursgewinnen dank des "Kirchhof- Effekts". Der Finanzexperte aus Angela Merkels Kompetenzteam hatte die Zehn- Minuten-Steuererklärung und dementsprechende Vereinfachungen gefordert. Bei ausländischen Großanlegern sei das Team gut angekommen, heißt es dazu im Markt.

Experten schätzen Risiken gering ein

Risiken dürften bis zur Wahl nur dann durchschlagen, wenn sie gravierende Wirkung zeigen: Wie die Börse auf das rechnerische und wahrscheinliche Kursziel von 70 US-Dollar fürs Öl nachhaltig reagiert, wird sich erst nach dem 18. September zeigen. Analysten rechnen zudem mit Inflationstendenzen. Ei 2,2-prozentiger Preisanstieg wird von Experten für die wachstumsschwache EU als viel zu hoch eingeschätzt. Zusammen mit einer gegebenenfalls steigenden Kreditnachfrage für Investitionen dürfte es zu einem Anleihen-Krach kommen, sehen einige Beobachter voraus. Doch zurzeit ist dies noch kein Marktthema. Selbst an einen rot-roten Wahlsieg mag niemand denken. Für entsprechende Panikverkäufe wäre dann nach der Wahl Zeit.

Technische Analysten tragen das bullishe Bild für den Dax mit. Der Index befinde sich derzeit in einer kleinen Konsolidierungsphase, die je nach Lesart als Flagge, Wimpel oder "Congestion Zone" tituliert werden könne. der Dax stehe jedoch kurz davor, diese Zone zwischen rund 4800 und 5000 nach oben zu verlassen. Ziel sei der Bereich über 5200 Punkten. Die Marktbreite sei weiter ausgezeichnet, der Markt rotiere "gesund" nach oben. Lediglich zum Stimmungsumfeld gibt es unterschiedliche Interpretationen: Während einigen Beobachtern unwohl beim immer breiter werdenden Medienecho zum Dax wird, zeichnen Umfragen unter professionellen Marktteilnehmern ein anderes Bild. So verwies Joachim Goldberg in der jüngsten Stimmungsumfrage von Cognitrend auf ein Rekord-Tief in der Einschätzung des Dax. Eine mögliche 250-Punkte-Bewegung sah er denn auch eher nach oben.

Termine der kommenden Woche

An Wirtschaftsdaten stehen aus Deutschland der Konjunkturbericht des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) (Dienstag) und der Ifo-Geschäftsklimaindex (Donnerstag) an. Das deutsche BIP zum zweiten Quartal sei dagegen veraltet und eher zweitrangig, heißt es. Der Mittwoch steht im Zeichen der Auftragseingänge für die Industrie in Europa und den USA. Sollte die Bekanntgabe der Geldmenge M3 am Freitag einen von Experten als zu hoch eingeschätzten Wert bringen, könnte dies eventuell Zinserhöhungsängste wecken. Der Markt wird sie im Zusammenhang mit den im Wochenverlauf gemeldeten Inflationsraten der deutschen Länder werten. Die Bekanntgabe der Daten zum Konsumentenvertrauen der Uni Michigan beschließt die Konjunkturnachrichten der Woche.

Auf der Unternehmensseite dürfte Mobilcom in den Fokus rücken. Am Dienstag stimmen die Aktionäre des Mobilfunkdienstleisters auf einer außerordentlichen Hauptversammlung über den geplanten Zusammenschluss mit der Internet-Tochter Freenet ab. Deren Anteilseigner entscheiden am Donnerstag über die Fusion. Erwartet werden am Donnerstag aus dem Nebenwerteindex MDax zudem Geschäftszahlen der Optikerkette Fielmann und des Chemiekonzerns Lanxess.

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