Börsengang der ICBC
In dünner Luft

Am Freitag feiert die chinesische Bank ICBC ihr Börsendebüt. Das Ereignis hat eine enorme Euphorie unter Anlegern ausgelöst und den Blick auf die Realität getrübt.

PEKING. Knallorange leuchten die Overalls der Fassadenputzer in der Herbstsonne. Nur auf schmalen Brettern sitzen sie und baumeln in luftiger Höhe über dem Eingang der Pekinger ICBC-Filiale. Unten dröhnen Lastwagen und Busse im Alltagssmog, oben wird Chinas Bankenwelt aufpoliert.

Die chinesischen Zeichen sind fast geschafft, doch es warten noch eine Menge Buchstaben auf die Putzkolonne – „Industrial and Commercial Bank of China“ steht unter den chinesischen Symbolen. Alles soll morgen blitzen zum Börsendebüt der größten chinesischen Bank.

Milliarden ICBC-Aktien werden am Freitag in Hongkong und Schanghai erstmals notiert. Einnahmen von 22 Milliarden Dollar erwartet die Bank – damit wird der Börsengang als der größte überhaupt in die Geschichte eingehen. Und ICBC steigt in die Liga der zehn weltweit größten Banken auf.

Verlockende Aussichten, die allerdings nicht ausreichen, um zu erklären, warum es zu einem regelrechten Run auf die Aktien des Unternehmens gekommen ist, warum dieser Börsengang eine enorme Euphorie unter den Anlegern ausgelöst hat. Es ist wohl diese Kombination aus dem Boomland China, der schieren Größe der Bank und der ohnehin guten Stimmung an den Weltbörsen, die dazu geführt hat. Und die bei den Anlegern offenbar den Blick auf die Realität trübt, auf die Tücken der Branche und die gar nicht so überzeugenden Fundamentaldaten der Bank.

Dabei macht sich Ernüchterung bereits beim Besuch einer ICBC-Filiale breit. Während draußen das Spülwasser der Fensterputzer von der Fassade tropft, ist in der Bankhalle nichts von der mit dem Börsengang verbundenen Euphorie zu spüren. Ob es denn morgen eine Party oder ein Glas Sekt nach Dienstschluss gebe? „Nö“, sagt eine Mitarbeiterin, „feiern tun bei uns nur die Chefs.“ Und eine Kollegin fügt an: „Hier läuft alles wie immer.“ Am Eingang steht ein Wachmann in grauer Uniform und gähnt.

Auch in anderen ICBC-Filialen der Hauptstadt ist von dem großen Ereignis nichts zu spüren. Keine Motivations-Plakate, keine Image-Werbung, keine Kundenhinweise. „Sie wollen was, einen Börsenprospekt?“ Der Angestellte hinter der Glasscheibe zieht die Augenbrauen hoch. „Nö, hier gibt’s nur Geld“, sagt er dann achselzuckend.

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