Börsianer blicken besorgt auf Energiekosten
Dax-Ausblick: Ölpreis dämpft Optimismus

Die Kauflaune der Anleger wird nach Einschätzung von Aktienexperten in der kommenden Woche anhalten. Sorgen bereitet indes der steigende Ölpreis. Im Rampenlicht dürfte auch an den Finanzmärkten vor allem die Vertrauensfrage von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) am kommenden Freitag im Bundestag stehen.

HB FRANKFURT. In dieser Woche hat der Deutsche Aktienindex (Dax) 0,6 Prozent an Wert verloren. Am Donnerstag hatte der Leitindex indes ein neues Drei-Jahres-Hoch bei rund 4637 Punkten erklommen. Der Ölpreis-Anstieg konnte also bislang den Aufwärtstrend an der Börse und immer neue Höchststände nicht verhindern. Die Märkte hätten die Hoffnung auf sinkende Zinsen in der Eurozone eingepreist, meinen Beobachter.

"Es könnte im Dax noch zwei, drei Wochen nach oben gehen, in Richtung 4650 bis 4700 Punkte", sagte Volker Borghoff, Aktienstratege bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Diese Aufwärtsbewegung stütze sich in erster Linie auf den schwächeren Euro, der angesichts der erwarteten weiteren Zinserhöhungen in den USA unter Druck geraten dürfte.

Zuversichtlich auf kurze Sicht zeigt sich auch Aktienstratege Steffen Neumann von der Landesbank Rheinland-Pfalz. "Zunächst dürfte es am Markt so weitergehen, aber über die Sommermonate wäre ich etwas vorsichtiger, denn es gibt schon Rückschlagspotenzial im Dax", prognostizierte er.

Ölpreis bedroht Entwicklung

Auf mittlere Sicht kann nach Einschätzung der Experten der auf Rekordniveau gestiegene Ölpreis den Anlegern einen Strich durch die Rechnung machen. Wenn dieser weiter steige, könnte das die erwartete positive Entwicklung des Dax bremsen, sagte Borghoff. "Bei der Veröffentlichung der Halbjahreszahlen rechne ich wegen der hohen Rohstoffpreise mit der einen oder anderen negativen Überraschung", ergänzte er.

"Auf 61 bis 62 US-Dollar (USD) kann der Ölpreis bis Mittwoch noch steigen", sagt Andy Sommer, Analyst bei der HSH Nordbank. Dann werden die Lagerbestände in den USA veröffentlicht. Sie gäben die weitere Richtung vor. Sollten die Bestände die Erwartungen übertreffen, dürften vor allem spekulative Anleger kräftig Gewinne mitnehmen. Fundamental, also ohne jegliches spekulatives Moment, sieht Sommer den Ölpreis zwischen 35 und 40 USD. Sollten die Preise fallen, könnte dies ein Kaufsignal für den Gesamtmarkt und besonders für Europas Automobil- und Transportwerte setzen. Bei den großen Ölmultis hingegen dürften Investoren Gewinne einstreichen.

Börsianer hoffen auf Neuwahlen

Einen Teil der jüngsten Kursgewinne des Dax schreiben Aktienexperten der Aussicht auf Neuwahlen und einen Regierungswechsel in Deutschland zu. Am Freitag wird Bundeskanzler Schröder im Bundestag die Vertrauensfrage stellen, um eine Auflösung des Parlaments und Neuwahlen zu erreichen. "Wenn es doch nicht zu Neuwahlen kommen sollte, wäre dies das Schreckensszenario für die Börsen", sagte Aktienstratege Neumann. Auch sein Kollege Borghoff würde in diesem Fall einen deutlichen Rückschlag an den Börsen erwarten. Allerdings rechnet er damit, dass es zu vorgezogenen Wahlen kommt.

Die Aussicht auf eine CDU-geführte Bundesregierung und tief greifende strukturelle Änderungen zog zusätzliche Liquidität an. Am Mittwoch stellte der Chefstratege der Deutschen Bank, Tim Love, Deutschland als den Markt mit den besten Perspektiven für Aktien neben Japan heraus.

Doch über Details zu Art und Ausmaß der Reformvorhaben der Union gebe es bislang kaum börsenrelevante Aussagen, kritisieren Aktienexperten. Dass Angela Merkel mit Blick auf die Debatte um eine höhere Mehrwertsteuer laut "Passauer Neue Presse" Partei und Fraktion einen Maulkorb verhängt hat, sei aus wahltstrategischer Perspektive opportun. Für Klarheit sorge ein solches Vorgehen aber nicht. Die Unsicherheit darüber könne die Märkte beeinflussen. Es sei also nicht auszuschließen, dass die politischen Vorschusslorbeeren für die Aktienseite in den kommenden Wochen erst einmal einer nüchterneren Betrachtung Platz machen.

Wachstumsdaten nähren Zinsspekulationen

Im Blick dürften in der kommenden Woche auch Konjunkturdaten aus Deutschland und den USA sowie die Zinssitzung der US-Notenbank (Fed) stehen. An den Finanzmärkten gilt eine Anhebung des US-Leitzinses am Donnerstag um 25 Basispunkte auf dann 3,25 Prozent als ausgemacht. Am Mittwoch steht aus den USA zudem das endgültige Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das erste Quartal an. Am Freitag dürften die Anleger dann auf den Index des Verbrauchervertrauens der Universität Michigan und den Einkaufsmanagerindex blicken.

Aus Deutschland wird am Montag der Ifo-Geschäftsklimaindex für Juni erwartet. Aktienstratege Frank Schallenberger von der LBBW rechnet damit, dass der Index eine deutliche Steigerung zeigen wird, was sich seiner Einschätzung nach positiv auf den Aktienmarkt auswirken dürfte.

Experten erwarten Seitwärts-Bewegung

Europas Aktienbörsen haben sich zuletzt in erstaunlicher - und seltener - Weise im Gleichklang mit den Rentenmärkten aufwärts bewegt. Hier geben unverändert die Bullen den Ton an. Schwache Wachstumsdaten in der Eurozone, vor allem in Italien, Frankreich und Deutschland, sorgen für Spekulationen um Zinssenkungen. Die Schweden haben den Leitzins überraschend deutlich gesenkt, und auch von der Bank of England gibt es erste Hinweise auf sinkende Zinsen. Dies heizt die Spekulationen zusätzlich an. "Die relative Attraktivität von Aktien ist somit weiterhin gegeben", folgert die Bankgesellschaft Berlin.

Wenige Impulse und damit auch kaum Störfeuer gab es für die Rentenmärkte in der zurückliegenden Woche von der Konjunktur. Der ifo-Index, das US-Verbrauchervertrauen und die Zinsenstscheidung der Federal Reserve dürften die Kurse wohl am stärksten bewegen.

Mit Blick auf diese Melange aus Wachstumssorgen, Zinshoffnungen und Ölpreisrisiken sehen Beobachter Europas Aktienmärkte auf hohem Niveau konsolidieren. "Alles in allem rechnen wir in solch einem durchwachsenen Umfeld mit einer längerfristigen Seitwärtsbewegung für Dax und Euro-Stoxx-50 innerhalb überschaubarer Trading-Ranges", heißt es von der Bankgesellschaft Berlin. Aus technischer Sicht seien viele Aktien überkauft - ebenfalls ein Hinweis auf eine Korrektur. Die nächste Quartalsberichtssaison ist noch in weiter Ferne, die Marktakteure können sich also ganz auf Unternehmensnachrichten und den Confederations Cup konzentrieren. Das Endspiel findet am Mittwochabend in Frankfurt statt.

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Nachfrageschub aus USA

Die europäischen Märkte könnten derzeit auch von zusätzlichem Anlegerinteresse aus den USA profitieren. "Das Anlegervertrauen ist in diesem Monat gestiegen, und US-Anleger sind zunehmend an risikoreicheren Anlagen weltweit interessiert", glaubt Harvard-Professor Ken Froot. "Das Vertrauen ist weiterhin niedriger als noch in den ersten Monaten dieses Jahres. Nachdem institutionelle Anleger nun jedoch zwei Monate in Folge nachhaltig die Spreu vom Weizen getrennt haben, sind sie nun offenbar bereit, zusätzliche Risiken zu Preisen einzugehen, die ihnen jetzt relativ attraktiv erscheinen."

Ein von Froot und seinem Kollegen Paul O’Connell entwickelter Index misst das Anlegervertrauen auf Basis einer quantitativen Analyse des tatsächlichen Kauf- und Verkaufsverhaltens institutioneller Anleger. Gemäß dieses „State Street Global Markets“-Index kletterte das Anlegervertrauen im Juni gegenüber dem korrigierten Index-Wert für Mai von 81,4 um 3,1 auf 84,5 Punkte.

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