Börsianer widersprechen Norbert Walters Aktienpessimismus
DB-Chefvolkswirt Walter: "Börse übertreibt völlig"

Nach Ansicht von Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sind die Kurse der deutschen Aktien jetzt schon wieder klar überbewertet. Eine Ansicht, der selbst Deutsche-Bank-Analysten widersprechen.

HB BERLIN/FRANKFURT. Walter sagte der „Berliner Zeitung“ (Freitagausgabe): „Die Kurse sind schon jetzt wieder klar überbewertet.“ Die Börse übertreibe völlig. Die 3 000 Punkte, die der Aktienindex Dax bereits im Frühjahr wieder erreicht hatte, seien ökonomisch noch vertretbar gewesen, sagte Walter laut Vorabbericht. „Aber 3 600 Punkte sprengen schon wieder den Rahmen.“

Die Kursentwicklung habe nichts mit der wirtschaftlichen Situation der Unternehmen zu tun. Diese hätte sich kaum verbessert, erklärte Walter weiter. „Doch viele Investoren suchen angesichts der niedrigen Zinsen verzweifelt nach Anlagemöglichkeiten. Und da es keine interessanten Alternativen gibt, investieren sie eben in Aktien.“

Walters Börsenpessimismus stieß am Freitag am Aktienmarkt jedoch überwiegend auf Unverständnis. Walters Aussage, die Aktienkurse seien „schon jetzt wieder klar überbewertet“, hält die Mehrzahl der Händler und Analysten für eine unbegründete Einzelmeinung. „Walter ist ein Freigeist und er polarisiert gerne“, sagte ein Aktienstratege, der namentlich nicht genannt werden wollte. „Fachlich ist er ein Top- Mann, aber ein Volkswirt. Der Aktienmarkt ist nicht sein Spezialgebiet.“

Auch ein Analyst der Deutschen Bank distanzierte sich von Walters Aussage: „Das ist eher die Meinung von Herrn Walter als die Ansicht der Deutschen Bank“, sagte er. In einer Studie der Research-Abteilung der Deutschen Bank von Anfang September heißt es: „Weltweit scheint sich das wirtschaftliche Klima zu verbessern“. Einer weiteren Studie dieser Abteilung zufolge dürften „höhere Unternehmensgewinne Hand in Hand mit dem erwarteten Aufschwung gehen, und weitere, moderate Gewinne an diesen Märkten stützen“.

Der Leiter des Aktienhandels von Hauck & Aufhäuser, Fidel Helmer, will ebenfalls die Aussage von Norbert Walter nicht unterschreiben. „Die Kursgewinne im Dax kommen nicht aus der hohlen Hand. Es gibt durchaus handfeste Gründe, warum der Dax seit März 50 bis 60 Prozent zugelegt hat.“ Nach dem Irakkrieg habe der Aktienindex zunächst einmal die „Übertreibung nach unten“ aufholen müssen.

Zudem hätten die weltweit tätigen Konzerne nach den Attentaten vom 11. September 2001 begonnen, ihre Unternehmen mit Restrukturierungen und Kostensenkungen wieder auf Vordermann zu bringen. Nun müsse sich zeigen, ob die Unternehmen nach den Sparmaßnahmen auch wieder höhere Umsätze und Gewinne generierten. „Dann sind die hören Kurse am Aktienmarkt durchaus gerechtfertigt“, sagte Helmer.

„Die Börse leistet das, was sie leisten soll“, fügte Marktstratege Robert Halver hinzu: „Sie blickt in die Zukunft“. Steigende Börsenkurse hätten bereits in der Vergangenheit häufig einen Konjunkturaufschwung eingeleitet. „Die Unternehmen haben sich rank und schlank gespart - das honoriert die Börse.“

Nun müsse sich die eingeleitete Stimmungsverbesserung in „harten Fakten“ niederschlagen, sagte Halver. Walter sei diesbezüglich wohl „recht pessimistisch“. Halver blickt zuversichtlicher in die Zukunft: „Die makro- und mikroökonomischen Rahmenbedingungen sind prächtig - jetzt fehlt nur noch die Nachfrage.“

Ob Walter am Ende doch Recht behält oder nicht, lässt sich nach Einschätzung der Börsianer kaum sagen. „Das steht und fällt mit der Entwicklung der Volkswirtschaft“, sagt Analyst Halver. „Die Gretchenfrage lautet: Was macht die Konjunktur? Kommt der Aufschwung oder kommt er nicht?“

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