Branche unter der Lupe
Mit der Spezialchemie setzt der Anleger auf den Aufschwung

Die Spezialchemie hat sich neben den Life-Science-Konzernen wie Roche und den integrierten Chemiekonglomeraten wie BASF in den vergangenen zehn Jahren als drittes Feld herausgebildet, in dem Anleger in Chemieaktien investieren können.

DÜSSELDORF. Spezialchemie-Aktien entwickeln sich tendenziell weniger zyklisch und sind ertragsstärker als Anteile von Grundchemieunternehmen.

Zwar hat die junge Chemie-Teilbranche ihre besten Jahre vielleicht schon hinter sich – jene Periode Mitte der neunziger Jahre, in der sich die Chemie- und Pharmawelt neu sortierte und die Spezialchemieaktien als Joker zwischen diesen beiden Welten in viele Depots wanderte.

Aber nachdem anschließend eine Reihe von Firmen in die Krise getaumelt sind, stellt sich die Spezialchemie nun weltweit neu auf und stärkt sie Erträge durch zusätzliche Dienstleistungen. Mit etlichen Aktien können Anleger an der Refokussierung des Sektors und dem kommenden Aufschwung teilhaben – wenn sie sich über die spezifischen Risiken klar sind.

Größe ist in der Spezialchemie erst mit steigenden Entwicklungsbudgets ein entscheidender Faktor geworden. Die Degussa AG, die sich zum Sammelbecken der deutschen Spezialchemie mausert, ist inzwischen mit einem Umsatz von 11,8 Mrd. Euro im vergangenen Jahr und einer Marktkapitalisierung von 5,5 Mrd. Euro das weltgrößte Spezialchemieunternehmen. Vorstandschef Utz-Helmuth Felcht, ein früherer Hoechst-Manager, führt den aus einem runden Dutzend Geschäftsfeldern bestehenden Konzern an der langen Leine.

Dabei hat Felcht noch viel Arbeit vor sich. Degussa ist bisher nicht besonders ertragsstark. Beim operativen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) bleibt Degussa hinter Verfolgern wie DSM oder der britischen ICI zurück. „Grundsätzlich ist Degussa aber ein gutes Unternehmen, das temporär in einer besonderen Lage steckt“, sagt Analyst Harald Gruber von West LB Panmure. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung werde sich Degussas Ertragslage deutlich bessern.

Das bezieht sich auf Degussas Eignerkreis: Ruhrkohle AG und Eon halten je knapp 47 % des Kapitals. Der Free float ist mit 7 % so gering, dass die Privatanleger an der Börse bei Degussa fast unter sich sind. Doch zeichnet sich ein Ende dieser Phase ab. Eon will sich im nächsten Jahr von seinem Paket trennen. Der Ruhrkohle wird Interesse an der Mehrheit bei Degussa nachgesagt. So lässt sich laut Gruber mit Degussa nicht nur trefflich auf die Erholung der Wirtschaft setzen, sondern auch auf eine Neuaufstellung von Eon und Ruhrkohle.

Keine großen Effekte mehr erwartet Gruber aus der Portfoliobereinigung bei Degussa. Dagegen ist dies das Hauptthema bei Konkurrent Clariant. Die Gruppe ist 1995 aus den Chemiesparten von Sandoz und Hoechst hervorgegangen. Doch übernahm sich die Gruppe, die mit 1,7 Mrd. Euro Börsenkapitalisierung und rund 7 Mrd. Euro Umsatz Degussa auf den Fersen bleibt, mit Investitionen und Zukäufen. Vorstandschef Roland Lösser verschob zwar den Abbau der heute 2,7 Mrd. Euro Schulden kürzlich wieder hinaus. Aber er kündigte eine energische Sanierung der Gruppe und den Verkauf von Randaktivitäten an, was zu heftigen Kurssteigerungen der Aktie führte.

Zwar bezweifeln Clariant-Kenner wie Analyst Bernd Pomrehn von der Zürcher Kantonalbank, dass Lösser die Verkäufe so schnell wie geplant hinbekommt, zudem werde das Jahresergebnis von Schließungskosten belastet sein. Doch kann er sich vorstellen, dass der Kauf der Aktie für den risikobewussten Investor eine Option darstellt – immerhin konnte man mit dem Papier in diesem Jahr schon 70 % Geld verdienen. „Die Clariant-Aktie wäre derzeit eine Wette auf den Turn-around“, sagt er, auch wenn er die Aktie der Unwägbarkeiten wegen aktuell auf Untergewichten einstuft.

Denn wenn Clariant Ballast abgeworfen hat, soll sich das Unternehmen laut Boss Lösser in bestechender Form präsentieren: Drei von vier Hauptgeschäftsfeldern seien Weltmerktführer in ihrem Bereich: Lackpigmente, Kunststoffmischungen und die Lederchemie. „Allerdings muss Clariant diese Marktpositionen in entsprechende Profite umsetzen“, sagt Analyst Christian Faitz beim Bankhaus Julius Bär.

Ihm gefällt ein Newcomer in der Spezialchemie besser: DSM. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr seine Petrochemiesparte für über 2 Mrd. Euro an die saudiarabische Sabic verkauft. 1,8 Mrd. Euro des Erlöses steckte sie gleich wieder in den Erwerb der Roche-Vitaminsparte. „Das war ein guter Deal, wenn auch in einem schwierigen Umfeld“, sagt Faitz. Denn die Sparte passe gut zu existierenden DSM-Geschäften.

Food- und Pharma-Vorprodukte, zunehmend auch aus biotechnischer Fertigung und bis hin zum fertigen Wirkstoff, sind künftig das eine Standbein des Konzerns. Außerdem hat der Konzern der von rund 8 Mrd. Euro Umsatz im vergangenen Jahr bis 2005 auf etwa 10 Mrd. Euro wachsen und damit in die Topliga der Spezialchemie vorstoßen will, eine starke Position bei Spezialkunststoffen.

Beide Felder haben indes Abnehmer in einer Vielzahl zyklischer Industrien. „Der Anleger setzt mit DSM auf eine generelle wirtschaftliche Erholung“, meint Faitz. Davon dürfte das Chemieunternehmen, das kaum verschuldet ist und sich bei Bedarf leicht verstärken könnte, deutlich profitieren.

Eine Wette auf das Ende eines Aktionärsstreits ist die dagegen Aktie der Hercules Inc. Das überwiegend in Streubesitz befindliche Unternehmen gehört mit 1,7 Mrd. $ Umsatz in 2002 und knapp 1,2 Mrd. $ Börsenbewertung zu den größten seiner Art in den USA. Es hat führende Marktpositionen bei wasserlöslichen Polymeren, naturidentischen Harzen, Fasern aus Polyethylen und Polypropylen und vor allem in der Papierchemie. „Hercules setzt dabei auf eigene Technologien, die das Risiko eines scharfen Wettberwebs auf absehbare Zeit begrenzen“, meint Analyst Andrew Cash von UBS.

Ein fünftes Geschäftsfeld hat das Management vor zwei Jahren verkauft: Die Wasseraufbereitungs-Sparte Betz Dearborn ging an General Electric, weil Hercules dringend Geld brauchte. Zwar hat Hercules mit diesem Schritt wieder zu soliden Bilanzrelationen zurück gefunden. Doch passte das der Chemieholding International Specialty Procucts nicht: Sie hält knapp 10 % an Hercules und versuchte, Vorstandschef William Joyce in die Wüste zu schicken, weil er eines der zukunftsträchtigsten Geschäfte der Gruppe habe ziehen lassen.

Die Aktionärsrevolte scheiterte: Führende Berater von institutionellen Anlegern stellten hinter Joyce. Jetzt ist der Weg für Hercules wieder frei. Die Gewinnschätzungen der US-Analysten sagen dem Unternehmen in den kommenden fünf Jahren durchschnittlich 5,6 % Gewinnwachstum voraus – David Begleiter von Deutsche Bank Securities erwartet sogar 8 % Plus in der Bottom line und empfiehlt das Papier zum Kauf.

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