Branchenführer tut sich schwer – Buchungszahlen weiterhin enttäuschend
Analysten sehen Tui-Höhenflug mit Skepsis

Terror, Krieg, Konjunkturnöte und Lungenepidemie SARS: Neben den Fluggesellschaften sind es vor allem die großen Touristikkonzerne, die von der Vielzahl der Krisen gebeutelt sind. Vorbei sind die Zeiten des schier ungebremsten Wachstums; die Buchungszahlen der letzten Jahre bleiben in der Branche nahezu überall unerreicht. Und so enttäuschen die Gesellschaften Aktionäre wie Analysten.

DÜSSELDORF. In der vergangenen Woche bekannte der Schweizer Reisekonzern Kuoni Farbe, diese Woche ist die Tui mit den Halbjahreszahlen an der Reihe. Kuoni, fünftgrößter Veranstalter in Europa, musste einen Umsatzrückgang von einem Sechstel verkraften und machte mit rund 28,5 Mill. Euro ein geringfügig kleineren Nettoverlust als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Im Jahr 2003 wollen die auf das hochwertige Reise-Segment ausgerichteten Schweizer noch rund 7,5 Mill. Euro Gewinn machen – halb so viel wie im Vorjahr. Das Urteil der Beobachter war eher milde: „Die Projektionen für das Gesamtjahr lassen zu wünschen übrig“, hieß es bei der Bank Wegelin: „Fairerweise muss aber erwähnt werden, dass wahrscheinlich im Reisegeschäft nicht viel mehr drin liegt.“

Bei der Tui AG, Europas größtem Reisekonzern, sieht es düsterer aus. Ein Minus von 194 Mill. Euro (Vorjahr: Minus von 16 Mill. Euro) erwartet Analyst Eggert Kuls von M.M. Warburg & Co als Ergebnis vor Steuern und Abschreibung (EBTA) im Touristikgeschäft des ersten Halbjahres 2003. Bereits im 1. Quartal erwirtschaftete die Tui ein Minus von 250 Mill. Euro. Dennoch bleibe, so Kuls, die Bilanz der ehemaligen Preussag, die im vorigen Jahr umfirmierte und sich nach und nach von den früheren Geschäftszweigen trennt, in schwarzen Zahlen: Sie habe Buchgewinne aus dem Verkauf der Energiesparte und des Ruhrgas-Anteils mit rund 870 Mill. Euro realisiert.

In der vergangenen Woche hatte die Tui-Aktie einen ungeahnten Höhenflug erlebt und damit sogar den Dax beflügelt. Diese Entwicklung, von Analysten eher ungläubig wahr genommen, wird nach vielfacher Branchen-Einschätzung spätestens nach der Bekanntgabe der Halbjahres- Zahlen am Donnerstag gestoppt werden. Als „integrierter Touristikkonzern“, der alle Dienstleistungen in der Wertschöpfungskette Urlaubsreise anbietet, tut sich die Tui mit der gebremsten Reiselust besonders schwer. Die nach wie vor unter dem Vorjahr liegenden Buchungszahlen treffen den Reiseriesen mehrfach, vom Flug bis zum Hotelaufenthalt.

Klaus Linde von SES Research etwa vermisst Strategien für die Veränderungen im Tourismus-Markt – Antworten auf das veränderte Buchungsverhalten der Verbraucher oder auf den Trend weg von der Pauschalreise. „Im Kerngeschäft der Touristik“, meint Linde, „ist bei der Tui mit großen Sprüngen in den nächsten Jahren nicht zu rechnen.“ Die Tourismus-Experten von Morgan Stanley werden noch deutlicher: Die Tui habe schwere Strukturprobleme, und es gebe kein Anzeichen zur Lösung. Der integrierte Konzern sei durch hohe Fixkosten belastet. Er verdiene zu wenig Geld mit Premium-Produkten, um seine Ausgaben herein zu bekommen.

Mit wachsendem Misstrauen beobachten Analysten den Ausflug der Tui ins Billigflug-Geschäft. Morgan schätzt, dass die Konzerntochter Hapag-Lloyd-Express (HLX) in diesem Jahr den Anlaufverlust auf 60 Mill. Euro erhöht, weil neben Köln und Hannover auch ab Stuttgart geflogen wird. Ein anderer Beobachter: „Tui sollte das Pleiteunternehmen HLX schnellstens aufgeben.“

Tui-Chef Michael Frenzel hatte vorige Woche mit der Ankündigung von Ergebnis-Verbesserungen auf 750 Mill. Euro in drei bis vier Jahren den Kursanstieg noch einmal beflügelt. Frenzel steht unter Druck: Die WestLB will ihren 30-Prozent-Anteil abgeben, doch ein Investor ist nicht in Sicht. Ohnehin sind die Banken eher skeptisch. Um das derzeitige Kursniveau zu rechtfertigen, so Tourismus-Spezialist Christian Obst von der Hypo-Vereinsbank, müssten die Ergebnisverbesserungen schon „grandios“ sein. Die angekündigten 750 Mill. Euro seien noch keine Überraschung. SES-Mann Linde findet für den aktuellen Kurs bei 14 Euro keinen Grund: „Den fairen Wert der Aktie sehen wir derzeit bei 8 Euro.“

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