Brasilianische Billigflieger
Analysten fliegen auf Gol

Der in den letzten Wochen rasant beschleunigte Sinkflug der brasilianischen Fluglinie Varig hat die Analysten der Investmentbanken letzte Woche in Aufregung versetzt: Jedoch nicht wegen der kaum liquiden Varig-Aktie selbst.

SÃO PAULO. Deren Kurs hat sich in den letzten Tagen zeitweise wieder belebt, weil Zocker auf einen staatlichen Rettungsversuch für die marode Fluglinie spekulieren. Viel interessanter sind für die Analysten jedoch derzeit die Aktien der nationalen Konkurrenten Tam und Gol.

UBS, Merrill Lynch sowie JP Morgan empfehlen die Aktien seit letzter Woche zum Kauf. Beide Konzerne sind die größten Profiteure von der Schwäche der Varig. Tam hält bereits 44 Prozent des Marktes. Der erst 2001 gestartete Billigflieger Gol folgt mit 30 Prozent. Die Varig war bereits im März unter 20 Prozent Marktanteil gerutscht. Der Anteil schrumpft jetzt weiter: Jeden vierten Flug storniert die Varig inzwischen, weil ihr das Geld fehlt, die Maschinen zu warten. Irgendwann die nächsten Tage oder Wochen wird die Varig vermutlich den Flugverkehr einstellen müssen, weil niemand mehr Tickets für Flüge kaufen wird, die immer öfter ausfallen. Die Marktführer Gol und Tam haben der Regierung bereits zugesichert, dass sie die brasilianischen Routen der Varig problemlos übernehmen würden.

Die Kurse beider Aktien, die seit 2005 auch an der Wallstreet gehandelt werden, haben bereits auf die mögliche Erhöhung der Marktanteile positiv reagiert. Dennoch sehen die Analysten noch weiteres Potenzial – vor allem für die Gol. JP Morgan prognostiziert, dass sich für den Billigflieger der Gewinn pro Aktie dieses Jahr im Vergleich zu 2005 verdoppeln wird (1,13 $ auf 2,35 $). „Dieser Gewinnzuwachs drückt sich noch nicht im Kurs aus“, heißt es bei JP Morgan. Die Experten der Bank halten ein Szenario am wahrscheinlichsten, wonach die Varig zwar weiter fliegen wird, ihr Anteil am brasilianischen Flugmarkt sich aber auf unter zehn Prozent reduziert.

Die Tam würde als Marktführer zwar den größeren Teil vom Kuchen abbekommen und rund die Hälfte des Flugmarktes vereinnahmen. Die nach Umsatz etwa halb so große Gol könnte ihren Anteil dann auf 40 Prozent steigern. Da der Billigflieger jedoch rentabler fliegt als die konventionelle Fluggesellschaft Tam – Gol hat eine operative Rendite 19 Prozent, Tam rund sieben Prozent – hält JP Morgan Gol für attraktiver. Carlos Albano von Unibanco Corretora überzeugt vor allem, dass Gol bisher am geschicktesten die Marktanteile der Varig ergattern können.

Zudem ist die Aktie des erfolgreichen Newcomers im Vergleich zu internationalen Billigfluglinien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 niedrig bewertet. Der andere Vorteil der Gol ist das geringere Risiko: Sollte es nicht zu einem Ausfall der Varig kommen, ist der Konzern zuversichtlich, weiter wachsen zu können. Durch die Billigangebote der Gol ist der Flugmarkt Brasiliens (2005: 20 Prozent) stark gewachsen, obwohl die Wirtschaft insgesamt nur mittelprächtig (2,3 Prozent) zulegt. Immer mehr Passagiere, die vorher die Überlandbusse benutzten, können sich jetzt Flüge leisten: So wird die Gol, deren Gründer auch das größte Busunternehmen Südamerikas besitzen, sein Sitzplatzangebot in diesem Jahr um 45 Prozent steigern – also rund doppelt so viel wie der Flugmarkt insgesamt wachsen wird.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%