Das neue Modell soll Volkswagen 2004 aus der Krise führen – Analysten warnen aber vor zu viel Optimismus
Für VW zählt wieder einmal nur der Golf

Er ist die bedeutendste Neuerung auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA): Der neue Golf V. Dieser gilt als Zugpferd für den lahmenden deutschen Autoabsatz und als großer Hoffnungsträger für den Volkswagen-Konzern. Branchenbeobachter und Aktienanalysten werden nicht müde, die Bedeutung des neuen Golf für seinen Hersteller zu betonen. Die Konsequenz zeigt sich an der Börse: Schon bevor der erste Golf Mitte Oktober in die Verkaufsräume kommt, hat die VW-Stammaktie rund 50 % hinzugewonnen.

DÜSSELDORF. Damit ist nach Ansicht von Experten bereits einiges an Hoffnungen eingepreist: „Der Kurs enthält sicherlich eine Menge Vorschusslorbeeren für den Golf sowie die operative Wende im zweiten Halbjahr und ein gutes Jahr 2004“, sagt Tino Morgner, Autoanalyst der WGZ-Bank. Er hat seine Bewertung für VW vor kurzem auf „Reduzieren“ zurück genommen, weil er nur noch wenig Kurspotenzial sieht. „Ich gehe davon aus, dass in den kommenden Monaten bei Auto-Aktien eine Konsolidierung einsetzen wird“, so Morgner weiter. Nach der IAA und den Geschäftszahlen für das dritte Quartal werde das Interesse an dem Sektor nachlassen, wodurch sich für Anleger wieder günstigere Möglichkeiten zum Einstieg ergeben könnten.

Die kurzfristige Einschätzung Morgners deckt sich indes nicht mit seinen langfristigen Erwartungen: „Mit Blick auf die Zukunft wäre es fatal, nicht auf VW zu setzen“, lautet sein Urteil. Ein positives Konjunkturszenario vorausgesetzt, werde VW 2004 zu den ganz großen Gewinnern zählen und Marktanteile hinzu gewinnen. Wichtigster Treiber sei eben der Golf. Morgner ist überzeugt, dass der angestrebte Absatz von 600 000 Fahrzeugen im nächsten Jahr realistisch ist. Zudem setzt er auf eine Belebung des wichtigen US-Marktes: „Im August war in den USA erstmals eine vorsichtige Wende zum Besseren beim Absatz zu erkennen. Wenn dieser Trend anhält, wird die VW-Aktie weiteren Rückenwind erhalten.“

Kritischer sieht Marc-René Tonn, Analyst bei der Vereins- und Westbank (VuW), die Aktie der Wolfsburger: „Den Optimismus, der am Markt herrscht, können wir nicht teilen“. Zwar sei relativ sicher, dass die Erträge bei VW im kommenden Jahr mit dem neuen Golf steigen würden, allein schon, weil die Belastungen für dessen Markteinführung wegfielen. Andererseits sei weiter unklar, wohin der Wechselkurs des Euro zum US-Dollar tendiere: „VW ist nach wie vor unterdurchschnittlich gegen Währungsrisiken abgesichert. Sollte der Euro wieder anziehen, würde dies die Erträge erneut belasten“, so Tonn.

Auch sei nicht klar, dass VW 2004 von einem anziehenden Autoabsatz stark profitieren werde: „Sicherlich werden die Fahrzeugverkäufe zunehmen, gleichzeitig drängt aber eine Vielzahl von Herstellern mit neuen Modellen auf den Markt. Und alle wollen ihr Stück vom Kuchen haben.“ Allein in der Golf-Klasse drohe VW durch den Ford Focus, den Opel Astra und – Ende 2004 – durch die 1er-Serie von BMW starke Gegnerschaft. Gerade letztere trete in Konkurrenz zu den hochmotorigen Golf-Ausführungen, also den Fahrzeugen, die für VW die höchste Marge abwerfen.

Als weiteres Risiko sieht Tonn die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland: „Wenn die Konjunktur anziehen sollte, ohne dass die Arbeitslosigkeit deutlich zurück geht, wäre dies gerade für VW kritisch“. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass die Verbraucher bei steigender Arbeitslosigkeit zunehmend auf günstigere Modelle von französischen oder japanischen Herstellern umsteigen. Einmal mehr bekäme der VW-Konzern dann zu spüren, dass in der Abdeckung der Marktsegmente noch eine Lücke zwischen dem Passat und dem Phaeton klaffe. Anders als das Volumensegment belaste eine hohe Arbeitslosigkeit die Premiumklasse nicht.

Auch auf Grund von Bewertungsaspekten bewertet der Tonn die VW-Aktie derzeit mit „neutral“. Das historische Kurs-Gewinn-Verhälntnis (KGV) der Aktie liege bei rund acht. Auf Basis der für 2004 erwarteten Gewinne liege das KGV aktuell schon bei 8,4, rechnet er vor. Starke Kurssteigerungen seien daher vorerst nicht zu erwarten.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%