Deutsche Top-Aktien die Verlierer der Baisse
Der Dax hat das größte Potenzial

Deutsche Standardwerte haben ein Imageproblem. Die Schlagzeilen in der Weltpresse sind schlechter als die Lage. Zudem sind die Verlierer der Baisse im Dax stark übergewichtet: Finanz- und Technologiewerte. Deshalb verlor der Index extrem. Nun die gute Nachricht: Kommt der Aufschwung, dürften deutsche Aktien die Gewinner sein.

FRANKFURT/M. Der Deutsche Aktienindex (Dax) bringt seit fast drei Jahren die Anleger zum Verzweifeln. Seit Beginn der Baisse hat das Kursbarometer rund 70 % verloren. Zum Vergleich: Britische Standardaktien verloren im Schnitt maximal die Hälfte ihres Werts. Experten können aber gerade dieser Entwicklung etwas Gutes abgewinnen: „Kommt es zum Aufschwung an den Börsen, sehen wir beim Dax das größte Aufwärtspotenzial in Europa“, sagt stellvertretend für die Mehrzahl der Analysten Rolf Elgeti, Chefstratege der Commerzbank für Europa.

Die Gründe für die Dax-Schwäche sind vielschichtig. Das niedrige Wachstum der deutschen Wirtschaft spielt nur eine untergeordnete Rolle. Deutschland ist zwar das Wachstumsschlusslicht der Europäischen Union (EU). „Doch das ist mit wenigen Ausnahmequartalen schon seit Beginn der 90er-Jahre so“, sagt Ralf Zimmermann, Anlagestratege von Sal. Oppenheim. Dies habe den Dax auch nicht gehindert, in der Hausse ganz vorne zu liegen. Zudem seien die meisten Dax-Unternehmen international aufgestellt und legten im Auslandsgeschäft zu.

Es ist also weniger die wirtschaftliche Wirklichkeit, die ausländische Investoren ihr Geld aus Deutschland abziehen lässt. Nach Überzeugung der Experten sind es die im Vergleich zu früher zahlreichen negativen Schlagzeilen in der Weltpresse über Reformstau, unflexiblen Arbeitsmarkt und Steuererhöhungen, die die Börsianer „antideutsch“ stimmen. Viele ausländische Fonds – gerade aus dem angelsächsischen Raum – haben deutsche Werte verkauft. „Im Dezember ist der deutsche Portfolioanteil in US-Fonds auf ein historisches Tief gefallen“, sagt Zimmermann. Er hält den Ausverkauf aber für übertrieben. Daneben haben Aktienverkäufe deutscher Banken und Versicherungen den Dax-Verfall erheblich beschleunigt. Laut Elgeti lässt der Verkaufsdruck von dieser Seite nach.

Christian Kahler, Aktienstratege der DZ-Bank, fürchtet, dass der Imageschaden des Finanzplatzes Deutschland im Ausland kurzfristig nicht zu beheben ist: „Die Unsicherheit ausländischer Investoren wird, wenn sich nichts Grundlegendes ändert, anhalten.“

Ein weiterer Grund für die Schwäche deutscher Werte: „Deutschland leidet unter höheren realen Zinsen als der Rest Europas“, sagt Michael Hartnett, Chef der europäischen Aktienstrategen von Merrill Lynch. Der reale Zins errechnet sich aus dem – in der Eurozone faktisch identischen – Nominalzins abzüglich der Inflationsrate. In Deutschland ist die Teuerung niedrig. Deutsche Firmen trifft daher die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank härter als Unternehmen wachstumsstärkerer Länder. „Hätte Deutschland noch eine eigene Zinshoheit, hätten wir niedrigere Leitzinsen“, sagt Zimmermann. Das ließe deutsche Firmen dann eher investieren. Auf längere Sicht ergeben sich aber auch positive Effekte: „Deutsche Unternehmen müssen die Kosten tiefer drücken. Wer überlebt, hat bei einem Aufschwung Vorteile gegenüber Unternehmen aus anderen Ländern“, sagt Zimmermann.

Einen wichtigen Grund für das schwache Abschneiden des Dax sehen Experten in dessen Zusammensetzung. „Im Dax sind die Verliererbranchen der vergangenen Jahre – insbesondere Versicherer und Banken – überproportional vertreten“, sagt Klaus Schrüfer, Chef-Anlagestratege der SEB. Die andere Verliererbranche mit Übergewicht: Technologiewerte.

Positiv wertet Volker Bien, technischer Analyst der Hypo-Vereinsbank das historisch niedrige Interesse der Anleger an Aktien. Dies lässt sich am Prozentsatz der Aktien des breiten Sammelindex C-Dax messen, die verändert zum Vortag schließen – also aktiv gehandelt werden. Der Indikator ist auf dem tiefsten Stand seit 1992. Bien sieht für langfristig orientierte Anleger gute Kaufgelegenheiten: „1992 begann, als der Indikator drehte, eine achtjährige Rally“, sagt Bien. „Und die Trefferquote dieses Indikators ist sehr hoch.“

Die Grundannahme besteht allerdings darin, dass die Weltleitbörse in New York, der Dow-Jones-Index steigt. „Ist dies der Fall, wird in Europa der Anstieg im Dax am stärksten ausfallen. Denn der Dax ist in der Baisse technisch betrachtet weiter fortgeschritten, und deutsche Werte sind stärker überverkauft“, sagt Bien. Dies bestätigen auch die durchschnittlichen geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) von Dax (8,9) und Euro-Stoxx- 50 (11) für 2004. Die Dax-Werte sind gegenüber den europäischen Standardtiteln um ein Fünftel unterbewertet.

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