Die Rettung?
Praktiker setzt alles auf eine Karte

Balanceakt am Rande des Abgrunds: Die Baumarktkette lehnt den Knebelkredit eines Hedgefonds ab. Stattdessen soll ein anderer Geldgeber helfen. Die Börse feiert schon. Doch hinter den Kulissen tobt der Machtkampf weiter.
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FrankfurtDie Börse feiert schon die Rettung: Aktien der angeschlagenen Baumarktkette Praktiker schießen nach oben. Der Kurs legt um fast 20 Prozent auf 1,27 Euro zu. Der Grund: Die Wiener Privatbank Semper Constantia soll dem Unternehmen mit einem Millionenkredit aushelfen. Die Bank ist mit fünf Prozent an der Baumarktkette beteiligt.

Praktiker hatte sich mit seiner Billigstrategie („20 Prozent auf alles, außer Tiernahrung“) völlig ins Abseits manövriert. Das Unternehmen schreibt hohe Verluste, die Insolvenz droht.

Praktiker-Manager flogen schon am Donnerstag von Hamburg nach Wien und nahmen Verhandlungen mit der Bank auf. Eine Einigung sei "kurzfristig und zu besseren Konditionen zu erwarten", teilte Praktiker am Donnerstag mit.

Zuvor hatte Praktiker ein Hochzinskredit des US-Hedgefonds Anchorage ausgeschlagen. Die Amerikaner verlangten mehr als 16 Prozent Zinsen für ein 85 Millionen Euro schweres Darlehen und forderten zudem das Tochterunternehmen Max Bahr als Pfand. Max Bahr ist Hoffnungsträger des Konzerns, die Marke soll mit der Umfirmierung zahlreicher Praktiker-Märkte zur Hauptmarke avancieren.


Doch auch mit dem Angebot der Österreicher war man zunächst nicht zufrieden. Noch vor wenigen Wochen hatte der Praktiker-Vorstand ein Kreditangebot von Semper Constantia abgelehnt, weil es nicht vorteilhafter sei als die Anchorage-Offerte. Nun habe die Bank nachgebessert, hieß es. Die Fondsmanagerin Isabella de Krassny, die für Semper Constantia und eine zyprische Investorengruppe namens Maseltov spricht, die zehn Prozent an Praktiker hält, hatten gegen den als "Wucher" apostrophierten Anchorage-Kredit rebelliert. Sie stellt zwei Vertreter im Praktiker-Aufsichtsrat, der am Mittwochabend bis in die Nachtstunden verhandelt hatte. "Anchorage wollte immer mehr, da ist Praktiker der Kragen geplatzt", sagte ein Vertrauter.

Anchorage wurde von der Absage Finanzkreisen zufolge am Donnerstag überrascht. Der Investor hatte den Informationen zufolge zuletzt weitere Zugeständnisse der Aktionäre, der Banken und der Vermieter von Praktiker gefordert und andernfalls mit Rückzug gedroht. Diese hätten "trotz des Entgegenkommens der Beteiligten nicht umfänglich erfüllt werden können", berichtete Praktiker. Vor allem die Mieten für die Max-Bahr-Märkte sollten drastisch sinken. Die 68 Gebäude gehören seit dem Frühjahr der britischen Bank RBS, seit ein Fonds Pleite gegangen war, der die Immobilien 2006 gekauft hatte. Ein Anchorage-Sprecher wollte sich nicht zu den Vorgängen äußern.

Praktiker hielt sich zu den Konditionen und zum Volumen des Semper-Kredits bedeckt. Er soll aber vorrangig zu allen anderen Darlehen und Anleihen von Praktiker bedient werden. Wie hoch die mit dem Sanierungskonzept verknüpfte Kapitalerhöhung ausfallen soll, sei offen, sagte ein Sprecher.

Unklar ist, ob der streitbare Investor Clemens Vedder weiter mit Semper Constantia verbündet ist. Er hatte eine Beteiligung an dem Sanierungskonzept avisiert, das de Krassny unterbreitet hatte - und wollte auch bei einer Kapitalerhöhung von Praktiker über 60 Millionen Euro mitziehen. An der Wiener Bank sind unter anderem der österreichische Bau-Magnat Hans Peter Haselsteiner (Strabag) und Siemens-Vorstandschef Peter Löscher beteiligt.

Scheitert die Sanierung, droht Praktiker die Zerschlagung. Denn die als einzig wertvoller Teil des Unternehmens geltende Kette Max Bahr geht dann an die Kreditgeber. Das hatte Ängste vor einem Einstieg von Anchorage geschürt. Der Investor legt es oft darauf an, vom Kreditgeber zum Eigentümer eines Unternehmens zu werden. Beim Autozulieferer Honsel und beim Schiffsbauer Bavaria Yachtbau hatte Anchorage damit bereits Erfolg.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Solche Konditionen wie von Anchorage können doch nur klinisch tote Unternehmen annehmen.

    Leider sind solche Offerten nicht verboten, moralisch aber völlig daneben. Aber über Moral muss man mit Hedgefonds und Amerikanern wohl kaum kommen.

    Andererseits sinds Manager, die derartige Offerten annehmen wohl auch kaum ihr Geld wert.

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