Diplomatischer Konflikt mit dem Westen belastet
Analysten erwarten Kapitalflucht aus Russland

Nachdem Moskau die beiden abtrünnigen georgischen Regionen Südossetien und Abchasien als unabhängig anerkannt hat, erwarten Analysten mehrer Investmentbanken eine Kapitalflucht aus Russland. Die Krise wird sich nach Ansicht der Experten nicht nur im Sentiment niederschlagen.

HB DÜSSELDORF. Die Analysten der Unicredit schreiben am Mittwoch, der diplomatische Konflikt mit dem Westen könnte wirtschaftliche oder andere Sanktionen gegen Russland zur Folge haben. Denkbar seien die Beschränkung von Übernahmen durch russische Unternehmen, Reisebeschränkungen für Regierungsvertreter oder gar das Einfrieren von Vermögenswerten. Aktuell rechnet die Unicredit zwar nicht mit derart drastischen Sanktionen, doch nehme die Wahrscheinlichkeit zu, dass es zu solchen Maßnahmen komme.

Einen Schritt weiter ging heute die Schweizer UBS: Die Analysten der Bank senkten die Kursziele russischer Aktien im Schnitt um 20 Prozent. Die Experten haben wegen des Konflikts in Georgien die Risikoprämie für Aktien um 200 Basispunkte erhöht. Der Konflikt werde wohl nicht kurzfristig gelöst, hieß es. Vielmehr werde eine strukturelle Entwicklung stattfinden, was längere Zeit höhere Risikoprämien für Russland zur Folge haben werde. Die kurzfristischen wirtschaftlichen Folgen dürften sich in Grenzen halten. Langfristig dürften die veränderte Haltung Russlands zu ausländischen Direktinvestitionen und das Bemühen Europas um eine Streuung seiner Energiebezugsquellen stärker wirken, hieß es weiter.

Der russische Aktienindex (RTS) hatte sich in den vergangenen sechs Monaten behaupten können. Zwar nur knapp, aber bis Juni tendierte er noch deutlich deutlich besser als die anderen großen europäischen Indizes, die im selben Zeitraum von Amsterdam bis Zürich zweistellig verloren. Doch seit Beginn der Georgien-Krise haben russische Aktien nun deutlich an Wert eingebüßt. Nach einem Höchststand Ende Mai verlor der Leitindex 40 Prozent an Wert. Viele ausländische Anleger zogen Kapital ab.

Der sich verschärfende Südkaukasus-Konflikt hatte dem russischen Aktienmarkt auch am Dienstag Verluste eingebracht. Nach einem lustlosen und uneinheitlichen Geschäft schloss der RTS-Interfax-Index des Computerhandels in Moskau mit minus 4,16 Prozent bei 1 579,12 Punkten, nachdem er zwischenzeitig sechs prozent im Minus gelegen hatte. Der Umsatz stieg auf 33,607 Mill. Dollar (22,774 Mill. Euro). Mit großer Nervosität hätten die Anleger auf die Anerkennung der Unabhängigkeit der abtrünnigen georgischen Regionen Südossetien und Abchasien durch Russland reagiert, sagte Experten. Noch größere Verluste habe ein steigender Ölpreis verhindert, sagten Analysten.

Die Zentralbank senkte den amtlichen Wechselkurs der russischen Währung zur US-Devise um 14,14 Kopeken auf 24,5 803 Rubel je Dollar (Vortag: 24,4 389 Rubel). Zum Euro sank der amtliche Wechselkurs des Rubels um 0,080 Kopeken auf 36,0 888 Rubel (Vortag: 36,0 083 Rubel).

JP Morgan: Kreml-Entscheidung „Nackenschlag“ fürs Sentiment

Auch der Investmentbank JP Morgan zufolge dürfte die Entscheidung von Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew, die Provinzen Südossetien und Abchasien als eigenständige Staaten anzuerkennen, der ohnehin angespannten Stimmung unter den Investoren einen neuerlichen Schlag versetzen. Die Analysten gehen davon aus, dass global agierende Fonds weiteres Kapital aus Russland abziehen und in Regionen mit geringerem Risiko investieren werden. Damit bleibe der Rubel gegenüber dem Währungskorb hoch volatil, auch wenn die russische Zentralbank eine starke Abwertung verhindern dürfte.

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