Experten erwarten langsameres Reformtempo, halten den deutschen Markt aber für robust
Strategen sind von großer Koalition wenig angetan

Seit dem überraschenden Wahlausgang in Deutschland treten die Aktienkurse auf der Stelle. Experten zufolge dürfte der Grund dafür das „Nein“ der Wähler zu einer konservativ-liberalen Regierung sein, auf die die Börsianer in den Wochen vor der Wahl spekuliert hatten.

Volkswirte und Analysten ausländischer Investmentbanken äußern sich in einer Handelsblatt-Umfrage skeptisch zu den Reformperspektiven einer großen Koalition. Das belastet die Aktienmärkte. Solange aber die Firmengewinne kräftig steigen, dürften Kurseinbrüche ausbleiben.

„Deutschland wird die Reformen nicht so aggressiv angehen“, sagt Natalie Dempster, europäische Volkswirtin bei der Royal Bank of Scotland. Wie weit die Verwässerung der einst ehrgeizigen Steuer- und Arbeitsmarktreform jedoch reichen wird, ist noch nicht ausgemacht. „Die größte Enttäuschung wäre, wenn die große Koalition die Arbeitsmarktreformen wieder zurückdrehen würde“, warnt die Volkswirtin. Die Enttäuschung über das Wahlresultat und die zähen politischen Verhandlungen hat der Markt ihrer Meinung nach aber bereits „eingepreist“, also verarbeitet.

Dass der Reformprozess in Deutschland ins Schleppen kommt, registriert man auch in Italien. „Das wird vor allem jenen Unternehmen schaden, die sich dem internationalen Wettbewerb stellen müssen – auch wenn die deutschen Unternehmen schon viel für ihre Wettbewerbsfähigkeit getan haben“, sagt Matteo Radaelli, Volkswirt der Rasbank. Durch die schleppenden Reformen würde über ein langsameres Wachstum vor allem der Konsum getroffen. Mit großer Sorge betrachtet François-Xavier Chevalier, Chefstratege beim Pariser Broker CIC, in diesem Zusammenhang Pläne einer neuen Regierung, die Mehrwertsteuer zu erhöhen: „Das könnte wie in Japan in den 90er-Jahren der labilen Binnenkonjunktur einen Schlag versetzen.“

Die Skepsis deckt sich mit Kapitalflüssen zwischen Deutschland und dem Ausland. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank investierten Ausländer im Mai und Juni mit 71 Mrd. Euro so viel in deutsche Aktien wie noch nie. Altkanzler Gerhard Schröder hatte gerade Neuwahlen angekündigt. Fast alle großen Investmentbanken hoben seinerzeit die Perspektiven deutscher Aktien im Hinblick auf eine Reformwelle im Arbeitsmarkt, Gesundheitswesen und Steuerrecht hervor. Hingegen reduzierte sich das Mittelaufkommen in den beiden Folgemonaten auf zwei Mrd. Euro, als die Chancen für eine schwarz-gelbe Mehrheit langsam schwanden. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

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