Experten sehen weiteres Kurspotenzial für Euro Stoxx und Nikkei
Deutschland und Japan führen die Rally an

Eines haben derzeit alle großen Börsen-Indizes gemeinsam: Sie notieren nahe ihren Jahreshochs. Seit den Tiefständen im März legten die Indizes 20 Prozent (Dow Jones), 30 Prozent (Nikkei), 40 Prozent (Euro Stoxx 50) oder sogar 60 Prozent (Dax) zu.

TOKIO/DÜSSELDORF.Wurde der Aufschwung anfangs von der Erleichterung über das Ende des Irak-Kriegs getrieben, nähren nun Erwartungen auf einen Konjunkturaufschwung die Kurse. Entsprechend favorisieren Investoren konjunkturempfindliche Werte aus den Branchen Automobil, Maschinenbau und Touristik.

Einig sind sich die Strategen, dass die US-Börsen trotz des geringeren Kursanstiegs weniger Luft nach oben haben als europäische Aktien. Grund dafür sind die höheren Bewertungen. So notieren amerikanische Aktien im S&P-500 mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn- Verhältnis (KGV) von 32 auf Basis der laufenden Gewinne. Im langjährigen Durchschnitt liegt der Wert bei 15. Titel im Euro Stoxx 50 sind mit einem KGV von rund 20 deutlich billiger.

Die Experten von Threadneedle setzen deshalb auf Europa und bauen auf zyklische Aktien – also auf Unternehmen, die von einem Aufschwung besonders profitieren. Defensive Branchen wie Pharma und Versorger sollten gemieden werden. Auch Citigroup Smith Barney hält europäische Aktien im Vergleich zu US-Aktien für preiswert, aber auch in Relation zum Geldmarkt und zu Anleihen. Weiteres Aufwärtspotenzial für die Aktienmärkte generell sehen auch die Experten von der ING-BHF-Bank. Sie verweisen auf die niedrige Bewertung – gemessen an den Anleihe-Renditen – und Hinweise auf eine Beschleunigung des US-Wachstums.

Doch den Optimisten stellen sich Skeptiker gegenüber. Merrill Lynch empfiehlt zwar ebenfalls, europäische gegenüber US-Aktien vorzuziehen. Allerdings setzen die Strategen auf defensive Energietitel, weil sie die beste Absicherung gegen Enttäuschungen seien, falls der US-Aufschwung ausbleiben sollte. Goldman Sachs rät, deutsche Aktien zu verkaufen, weil die Wirtschaft hier besonders unter dem starken Euro leide. Die überdurchschnittliche Marktentwicklung hält Goldman angesichts der schwachen Konjunktur für überzogen.

Angeführt wird das Pessimisten-Lager von Stephen Roach: Morgan Stanleys Chefökonom zweifelt am Aufschwung in den USA, weil eines der wichtigsten Elemente fehle: die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Neben der hohen Arbeitslosigkeit verhinderten die Rekordverschuldung der privaten Haushalte und das Leistungsbilanzdefizit den Aufschwung.

Kaum Zweifel am Aufschwung gibt es indes in Japan, wo die Börse zuletzt am kräftigsten stieg. Der Nikkei-Index schloss erstmals seit gut einem Jahr über der wichtigen Marke von 10 000 Punkten. Während inländische Investoren eher abwarten, reagieren Ausländer auf die anziehende Konjunktur. Die japanische Wirtschaft hatte mit einem Plus von 2,4 % im zweiten Quartal unerwartet stark zugelegt. Japans Großunternehmen investieren nach erfolgreicher Sanierung wieder mehr und steigern so die Inlandsnachfrage. Hinzu kommen Hoffnungen auf eine Erholung der US-Wirtschaft, die die Exporte beflügeln könnte. Anleger setzen deshalb auf zyklische Werte, beispielsweise auf Stahlunternehmen wie Kobe Steel, Schiffs- und Maschinenbauer wie Kawasaki Kisen Kaisha und Sumitomo Heavy Industries.

Lehman Brothers, Barclays Capital und Mizuho Research haben ihre Konjunkturprognosen angehoben. Viele Anlagestrategen, wie Toshie Amaki von der Sompo-Japan-Versicherung und der Chefstratege von Mitsubishi Security, Hajime Kitano, sehen den Nikkei-Index in diesem Jahr noch bis 11 000 oder 12 000 Punkte steigen. „Es ist klarer geworden, dass sich Japans Wirtschaft derzeit nicht schlecht entwickelt. Und es ist vor allem mehr Leuten klar geworden“, sagte Richard Jerram von der ING-Bank in Tokio. Zwar seien auch schon früher Erholungen mit zum Teil noch größeren Wachstumsraten vom maroden Finanzsystem und der Deflation ausgebremst worden. Während einer Erholung seien jedoch gute Gewinne zu machen. Auch Jerram hält ein Niveau von 11 000 oder 12 000 Nikkei-Punkten zum Jahresende für wahrscheinlich. „Selbst wenn sich die USA neutral entwickeln, wäre an Japans Börse noch Platz nach oben.“

Teure US-Aktien

Gewinne: Die meisten Firmen werden profitabler. Das zeigen die Quartalsberichte. Im amerikanischen S&P-500 stiegen die Gewinne im Schnitt um knapp neun Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.
Erwartungen: Während US-Unternehmen besser als erwartet verdienen, müssen in Europa die Gewinnprognosen für das laufende Jahr vermutlich leicht nach unten korrigiert werden.
Bewertung: Entsprechend verändert sich die Bewertung der Aktien: In den USA sinkt das Kurs-Gewinn-Verhältnis für die meisten Aktien, in Europa steigt es dagegen. Das Ausgangsniveau spricht allerdings für Europa: US-Aktien sind fast doppelt so hoch bewertet wie europäische Titel.

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