Falsche Analystenstudie
Tui und die Deutsche Bank: Ein teurer Irrtum

Kursziel: 1,90 Euro. Mit diesem Urteil schickte Deutsche-Bank-Analyst Simon Champion die Aktie des Touristikkonzerns Tui am Dienstag auf Talfahrt. Jetzt folgt die Rolle rückwärts: Weil er einen Kredit falsch zugeordnet habe, hebt der Analyst das Kursziel wieder an. Den Tui-Aktionären bringt das aber nichts: Sie sitzen erst mal auf ihren Verlusten.

DÜSSELDORF. Analystenempfehlungen sind an den Finanzmärkten Massenware. Jeden Morgen prasseln Dutzende von Umstufungen und Nachrichten über veränderte Kursziele auf Händler und Anleger ein. Und weil das so ist, reagieren die Aktienkurse auch nur selten spürbar auf neue Analystenurteile. Am Dienstag war das anders. Da schlug eine Verkaufsempfehlung der Deutschen Bank am Markt ein wie eine Bombe: 18 Prozent Minus standen für Tui zum Handelsschluss zu Buche, der Kursrutsch von 6,13 auf 5,02 Euro kostete mehr als 200 Mio. Euro an Börsenwert.

Das Urteil von Deutsche-Bank-Analyst Simon Champion war in der Tat drastisch: Nachdem er die Beobachtung von Tui-Aktien für drei Wochen eingestellt hatte, nahm sie der Analyst mit der Empfehlung "sell" wieder auf. In der Sprache der Deutschen Bank bedeutet das eigentlich, dass in den kommenden zwölf Monaten ein Verlust von mindestens zehn Prozent zu erwarten ist. Bei Tui setzte Champion das Kursziel parallel zur Verkaufsempfehlung allerdings auf gerade einmal 1,90 Euro herab. Verglichen mit dem Kurs am Montagabend entsprach dies einem Abschlag von knapp 70 Prozent.

Sorgen bereitet dem Analysten vor allem das Container-Geschäft. Wegen der hohen Kreditvergabe an Hapag Lloyd sei Tui in diesem Geschäft nach wie vor stark engagiert, heißt es in Champions Studie. Ein Komplettverkauf der Sparte, an der Tui zurzeit noch 43 Prozent hält, sei dadurch zurzeit kaum möglich. Und auch ein Verkauf des Hotel-Geschäfts zu einem angemessenen Preis hält der Analyst für unwahrscheinlich, da Tui in diesem Segment sehr hoch verschuldet sei. Unter dem Strich seien die Möglichkeiten zur Änderung der momentanen Unternehmensstrategie deutlich beschnitten, so das wenig schmeichelhafte Fazit des Deutsche-Bank-Experten.

Nun sind skeptische Stimmen zu Tui-Aktie keine Seltenheit: Aktuell raten sieben Analysten zum Kauf des Papiers, während jeweils sechs "halten" oder "verkaufen" sagen. Die radikale Herabstufung der Deutschen Bank sorgte am Markt jedoch für Ratlosigkeit. "Aus unserer Sicht gibt es keine neuen Nachrichten, die einen derart starken Kursrückgang rechtfertigen", erklärten die Analysten von Sal. Oppenheim in einer Reaktion auf die Ereignissen. Unbeeindruckt von der Studie der Deutschen Bank erhöhten sie ihre Anlageempfehlung am Mittwoch von "neutral" auf "buy", weil die Tui-Aktie sich durch den Absturz zu weit von ihrem Kursziel bei 6 Euro entfernt hatte.

Inzwischen hat auch Champion offenbar noch mal genauer hingeschaut. Der Todesstudie vom Dienstag folgte heute die Rolle rückwärts: In einer neuen Studie hob der Analyst das Kursziel für Tui-Aktien von 1,90 auf 4,40 Euro an. Eine falsche Zuordnung eines konzerninternen Darlehens von Tui an TUI Travel habe in der Studie vom 15. Juni zu einem falschen Kursziel geführt, musste er zähneknirschend bekennen. Die fundamental negative Einschätzung des Reise- und Logistikkonzerns behielt er jedoch ebenso wie das Anlageurteil "sell" bei.

Seite 1:

Tui und die Deutsche Bank: Ein teurer Irrtum

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%