Finanzdebakel in Italien belastet den Kurs – SEC und Staatsanwaltschaft ermitteln
Wachstum bei Auftragseingängen macht ABB zum Hoffnungswert

Die Anleger hatten gerade begonnen, sich auf einen stetigen Aufwärtstrend einzustellen, als sie am vergangenen Wochenende eine Nachricht aus Italien aufschreckte: Der Schweizer Industriegüterkonzern ABB hat in einer internen Untersuchung finanzielle Unregelmäßigkeiten bei seiner italienischen Tochtergesellschaft entdeckt.

ZÜRICH. Es seien zwischen 1998 und heute Erträge ausgewiesen worden, die um 70 Mill. Dollar über dem liegen, was eigentlich in den Büchern stehen müsste. Zudem wurden zwei kleinere Fälle von Bestechungen bekannt. Der Geschäftsführer in Italien wurde inzwischen freigestellt. Die Staatsanwaltschaft in Milano und die US-Börsenaufsicht SEC sind informiert. Das weckt unschöne Erinnerungen: Hatte nicht unlängst ein anderer Schweizer Konzern – der Personaldienstleister Adecco – wegen Unregelmäßigkeiten in der Bilanz 100 Mill. Dollar verloren, um die Schwachstellen abzudichten? Der Börsenkurs von ABB sackte zu Wochenbeginn prompt um drei Prozent nach unten.

Im Gegensatz zu Adecco, wo die Führungsmannschaft fünf Monate auf Tauchstation gegangen war, versucht ABB-Chef Jürgen Dormann den Fall durch offensive Informationspolitik zu lösen. ABB habe den Vorgang zwar spät, aber immerhin selbst aufgedeckt, sagt Dormann im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Fall sei eingegrenzt. Eine Bewertung durch die Börsenaufsicht SEC liegt allerdings noch nicht vor. In diesem Jahr sei noch ein Schaden von bis zu 3 Mill. Dollar entstanden. „Das ganze ist in keiner Form vergleichbar mit Adecco“, meint Dormann.

Die Zürcher Kantonalbank glaubt ihm und sieht „kein größeres Nachspiel“. Die Bank Leu hält den Kurs der Aktie noch für einige Wochen für „belastet“. Die Aargauer Kantonalbank attestiert dem Management promptes Handeln. Trotz Entwarnung der Analysten bleib der Eindruck, dass ein Unternehmen wie ABB, das sich regelmäßig um staatliche Millionenaufträge für Infrastrukturprojekte bewirbt, schnell in Versuchung gerät, die Konkurrenz mit allen Mitteln auszuschalten. Der Vorfall vom vergangenen Wochenende ist nicht der erste dieser Art, in den ABB verstrickt ist.

Dennoch können Aktionäre das Abrutschen des Kurses als Ausnahme verbuchen. Unter den Schwergewichten bei den Schweizer Blue-Chips zählte der ehemalige Sorgentitel im vergangenen Jahr bereits zu den Spitzenreitern. Das Vertrauen der Märkte in die Integrität und die Fähigkeiten des Konzernchefs dürfte dazu beigetragen haben, dass der Titel im Jahr 2003 um 101 Prozent zugelegt hat. Dormanns designierter Nachfolger Fred Sulzer hat klar gemacht, dass er den Kurs seines Vorgängers fortsetzen will.

Maria Ivek, Analystin bei der Bank Vontobel in Zürich, erwähnt die anhaltend verbesserte Entwicklung der Kerndivisionen mit einem Anstieg des Auftragseingangs um 20 Prozent und einem Umsatzwachstum von 10 Prozent. Sie belässt dennoch das „Market- perform“-Rating unverändert, da der Verkauf der Verlust bringenden Aktivitäten bislang noch nicht abgeschlossen ist. ABB hat sich unter Dormann auf die Geschäftsfelder Energietechnik und Automation konzentriert. Insbesondere in der Automationstechnik trägt diese Strategie Früchte: Der Ertrag vor Zinsen und Steuern konnte im ersten Quartal dieses Jahres in diesem Bereich um 37 Prozent gesteigert werden. Die Strategie bringt es allerdings auch mit sich, dass ABB Altlasten mit sich herumschleppt. Der Verkauf von Sparten wie der Gebäudetechnik ist noch nicht perfekt.

Unterm Strich überwiegen dennoch die guten Nachrichten. Der Konzern hat seine Schulden im Griff, der Auftragseingang lässt hoffen. Erst in dieser Woche unterzeichnete ABB ein Abkommen mit China zum Aufbau weiterer Stromnetze. In einer Turnaround-Geschichte, fasst die Bank Wegelin aus Sankt Gallen zusammen, sei immer wieder mit kurzfristigen Rückschlägen zurechnen, was an der langfristigen Einordnung nichts ändere.

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