Firmen verdienen wieder mehr
Experten: Baisse ist vorüber

Die Chef-Strategen der größten Banken Deutschlands haben keine Zweifel: Die Baisse an den Aktienmärkten ist vorüber, die aktuelle Rally ist mehr als nur eine Zwischenerholung. Das ergab eine Handelsblatt-Umfrage unter 15 Banken.

DÜSSELDORF. Nahezu einhellig versichern die Aktienexperten, dass Anleger einen Rückschlag auf die Tiefstände vom März nicht mehr befürchten müssen. Vor einem halben Jahr war der Deutsche Aktienindex (Dax) bis auf 2 202 Punkte abgestürzt und hat seitdem gut 60 % zugelegt. Einen weiteren, nachhaltigen und längeren Aufschwung sieht allerdings keiner der befragten Experten.

Anders als nach vorangegangenen kräftigen Erholungen, die immer wieder verpufften, droht nach Einschätzung der Fachleute diesmal keine Fortsetzung der Talfahrt. Sie begann, nachdem der Dax im März 2000 kurzfristig bei über 8 000 Punkten notiert hatte. Gründe für den Optimismus sind die sich aufhellende Weltkonjunktur und erfolgreiche Umstrukturierungen der Unternehmen. Trotz vielfach nur stagnierender Umsätze verdienen die meisten Firmen mehr als noch vor einem Jahr.

„Die Baisse ist vorbei“, versichert Matthias Jörss, Deutschland-Stratege beim Bankhaus Sal. Oppenheim. „Selbst wenn der Dax unter 3 000 Punkte fallen sollte, müssen wir uns keine Sorgen über eine Fortsetzung der Baisse machen. Es sei denn, es gibt Ereignisse, die wir heute noch nicht kennen.“

Doch auch einen Sturz unter 3 000 Punkte halten die meisten Banker inzwischen für ausgeschlossen: „Das Schlimmste haben die Aktienmärkte sicherlich hinter sich“, sagt Markus Reinwand, Leiter der Aktienanalyse bei Helaba Trust. Er bringt damit die Mehrheitsmeinung in der deutschen Finanzwelt auf den Punkt. In den vergangenen Jahren habe der Markt sehr viele negative Aspekte zu verkraften gehabt, etwa einbrechende Unternehmensergebnisse, Bilanzierungsskandale und zuletzt die aufkeimende Deflationsangst. „Dies zusammengenommen hat letztlich zu den starken Rückgängen der Aktienkurse geführt“, erklärt Reinwand.

Mit den zunehmenden Anzeichen für eine konjunkturelle Erholung steigt jetzt aber auch die Zuversicht unter den Bankexperten, die auf Sprünge bei den Unternehmensgewinnen hoffen. Nachdem einige Konzerne ihre Ertragsschätzungen zuletzt angehoben haben, rechnen die Analysten mit weiteren positiven Nachrichten: „Bei den Gewinnschätzungen für 2004 ist nach oben noch einiges an Platz“, sagt Christian Kahler, Deutschland-Stratege der DZ-Bank. Sollte seine Kalkulation aufgehen, könne auch der Dax mittelfristig über 4 000 Punkte steigen.

Das Ende der Abwärtsbewegung ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Beginn eines neuen, mehrjährigen Börsenaufschwungs. Dafür seien die Wachstumszahlen zu gering, warnen die Experten. Für Martin Gilles, Europa-Chefstratege der WestLB, ist die aktuelle Erholung „eigentlich nur eine Rückkehr zur Normalität“. Alle bisherigen Erfahrungsmuster sprächen jedoch dagegen, dass eine Baisse dieses Ausmaßes in eine neue Hausse mündet.

So erwarten viele Experten auch, dass der Dax in den kommenden Monaten eine Verschnaufpause einlegen wird. Eine Reihe von Schätzungen der Banken sieht den Dax am Jahresende auf einem ähnlichen Niveau wie aktuell bei 3 600 bis 3 700 Punkten, andere erwarten leichte Rückschläge: „Korrekturen wird es geben“, ist sich Oppenheim-Stratege Jörss sicher. „Sie gab es auch in der Vergangenheit, und sie fielen stets umso stärker aus, je heftiger vorher die Erholung war.“

Gefahren für die Aktienmärkte könnten kurzfristig von der Berichtssaison für das dritte Quartal ausgehen, die Mitte Oktober startet. Während der Markt bereits auf steigende Unternehmensgewinne im kommenden Jahr setzt, könnten sich die Konzerne mit ihren Ausblicken noch zurückhalten, befürchtet Christian Kahler von der DZ-Bank.

Hinzu kommt die Unsicherheit über die Entwicklung des Euros. Die aktuelle Schwäche der Gemeinschaftswährung kommt den Unternehmen zugute. Allerdings rechnet eine Reihe von Banken nicht mit einem dauerhaft niedrigen Wechselkurs. Sollte der Euro jedoch wieder zulegen, würden sich auch die Ertragsaussichten der Unternehmen verschlechtern. Neben Enttäuschungen von der Währungsseite könnte auf längere Sicht aber auch die Konjunktur den Optimisten einen Strich durch die Rechnung machen: „Mit Blick auf die US-Konjunktur sehen wir das Risiko einer Wachstumsillusion, das heißt, es wird eben nicht zu der erwarteten Nachhaltigkeit der Konjunkturdynamik kommen“, befürchtet WestLB- Experte Gilles. Damit bestehe das Risiko, dass das Jahrzehnt insgesamt eine unterdurchschnittliche Kursentwicklung der Aktien bringen werde.

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