„Frankfurter Gespräch“ des Handelsblatts
Markt für Börsengänge trocknet aus

Die weltweite Flaute bei Börsengängen (IPO) trifft den deutschen Markt mit voller Macht. Nur eine erfolgreiche Platzierung der milliardenschweren Emission der Deutschen Bahn könnte nach der Meinung von Banken, Anwaltskanzleien und Emissionsberatern noch helfen, das laufende Jahr zu einem versöhnlichen Ende zu führen.

FRANKFURT. Zu diesem Ergebnis kommt das „Frankfurter Gespräch“ des Handelsblatts mit führenden Vertretern der Branche. „Bei den gegenwärtigen Verhältnissen dürfte es im zweiten Halbjahr keine zehn Börsenneulinge im Prime Standard geben“, sagt Christoph Gleske, Rechtsanwalt bei Freshfields Bruckhaus Deringer in Frankfurt. Bislang wagten nur das Vogtländer Softwarehaus GK Software mit einer Mini-Emission im einstelligen Millionenbereich und der nordhessische Solar-Zulieferer SMA den Schritt auf das Parkett. Statt der 23 Unternehmen, die im vergangenen Jahr ein Emissionsvolumen von über sieben Milliarden Euro in die Kasse bekamen, kommen die Emittenten im ersten Halbjahr auf einen Emissionserlös, der unter 400 Mill. Euro liegt.

Angesichts der momentan sehr großen Kursschwankungen ist gerade der Markt für kleinere und mittlere Emissionen nahezu ausgetrocknet. „Um Investoren in volatilen Märkten ausreichend Liquidität zu bieten, sehen wir bei 100 Mill. Euro die Untergrenze für eine erfolgreiche Emission in Deutschland“, sagt Jörg Märtin, Executive Director bei JP Morgan in London, mit Blick auf das Problem. Emissionsvolumina von über einer Milliarde Euro haben aus seiner Sicht besonders gute Chancen auf eine erfolgreiche Platzierung. Denn eines steht für ihn fest: Bei den Investoren ist weiterhin genügend Liquidität vorhanden.

Ein Vorteil für den Börsengang der Deutschen Bahn: Mit einem derzeit geschätzten Volumen von rund fünf Milliarden Euro dürfte er vom Zug zur Größe profitieren. „Börsengänge großer Börsenkandidaten mit einem soliden Track-Record, starken Cash-Flows und einem guten Management dürften gelingen, insbesondere, wenn das Geschäftsmodell eine hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber wirtschaftlichen Schwankungen aufweist“, sagt Ralf Nachtigall, Managing Director bei der Investment Bank Rothschild.

Wer außer der Deutschen Bahn im zweiten Halbjahr noch den Sprung auf das Börsenparkett wagen wird, darüber gibt es derzeit nur Spekulationen. Zwar gibt nach den Worten von Bankern reichlich potenzielle Kandidaten, doch diese verhielten sich äußerst zurückhaltend.

„Es ist ein Zeichen der aktuellen Unsicherheit an den Märkten, dass viele Börsenkandidaten Daten und Fakten nicht frühzeitig auf den Tisch legen wollen und stattdessen erst kurz vor Beginn der heißen Phase ihre Börsenpläne bekanntgeben“, sagt Matthias Poth, Managing Partner beim Kommunikationsberater Hering Schuppener. Dahinter verbirgt sich auch die vage Hoffnung vieler Banker: Sollte ein erfolgreicher Bahn-Börsengang – wie ähnliche Mega-Emissionen in der Vergangenheit – etliche Unternehmen mitziehen, dann könnte das Jahr 2008 noch einen versöhnlichen Abschluss finden.

Deutschland trifft indes die weltweit rückläufige Entwicklung bei IPOs weitaus stärker als viele andere Länder. Weltweit hat sich die Zahl und der Emissionserlös der Börsengänge im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum halbiert, haben die Experten der Beratungsgesellschaft Ernst & Young in einer Studie berechnet, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.

Die Sorge um ihre Jobs ist bei vielen Investmentbankern deswegen berechtigt. Zwar versuchen viele Banken über die zuletzt rapide gestiegene Zahl der Kapitalerhöhungen einen Teil der Verluste zu kompensieren. Zudem werden Frankfurter und Londoner Teams bei Emissionen in Mittel- und Osteuropa eingesetzt. Dennoch dürfte der Bereich Aktienemission bei den meisten Häusern nicht ungeschoren davonkommen. „In Phasen wie diesen kommen die Einheiten zwangsläufig unter Druck. Deswegen haben wir dort auch schon die ersten Entlassungen gesehen“, sagt Tim Zühlke, Partner bei Indigo Headhunters in Frankfurt.

Welche Ausmaße diese bis zum Jahresende annehmen werden, liegt indes mit daran, wie viele Unternehmen in diesem Jahr noch an die Börse gehen werden.

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