Geringe Trefferquote
Wetten auf den Ölpreis bleiben riskant

Experten prognostizieren turbulente Zeiten an den internationalen Rohölmärkten. Professionelle Anleger haben darauf bereits reagiert.

LONDON/DÜSSELDORF. Im Vorfeld der Opec-Tagung am 24. September in Wien ist der Ölpreis deutlich gefallen. Nordseeöl der Marke Brent notiert derzeit unter 26 $ je Barrel (159 Liter). Dies ist der niedrigste Stand seit vier Monaten. Fachleute halten den Fall des Preises für übertrieben und verfrüht. Denn die wachsenden Exporte Russlands und des Iraks könnten die Preise erst ab 2004 in den Keller schicken.

Die Minister der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) machen aus ihrer Besorgnis jedenfalls keinen Hehl. Und die Spekulanten an der New Yorker Comex haben bereits ihre auf weiter hohe Ölpreise ausgerichteten Terminkontrakte in der zweiten Septemberwoche um mehr als ein Drittel abgebaut. Die unerwartet hohen Zunahmen der US-Vorräte an Rohöl und Destillaten haben stattdessen die Spekulation in die andere Richtung drehen lassen.

Vergessen scheint auch die Warnung der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris vom 10. September, dass sich die internationalen Ölvorräte nach wie vor auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren befinden. „Möglicherweise hat sich der Markt daran gewöhnt, nimmt die extrem niedrigen Bestände gelassen hin“, verlautet von einigen Experten. Das berge freilich die Gefahr scharfer Preisausschläge, wenn es zu Versorgungsstörungen komme.

„Die Opec wird den Markt sehr genau im Auge behalten müssen, um den Ölpreis in dem angestrebten Preisband von 22 bis 28 $ je Fass zu halten“, beschreibt das Londoner Zentrum für Globale Energiestudien (CGES) das prekäre Gleichgewicht zwischen einem „Zuviel“ und „Zuwenig“ am Markt. Das CGES hält zwar bis Jahresende noch weitgehend stabile Preise für wahrscheinlich. „Die Wende am Markt“ stehe jedoch im 2. Quartal 2004 bevor, wenn die Nachfrage im üblichen Frühjahrsrhythmus wieder deutlich nachlasse.

Londoner Ölmarktkreise sehen die Hauptgefahr für den Ölpreis dabei nicht nur in den Förderkapazitäten des Iraks, sondern auch in rapide steigenden Ausfuhren Russlands. Diese hätten binnen Jahresfrist den Löwenanteil zu dem Förderzuwachs der Nicht-Opec-Länder von etwa 1,5 Mill. Barrel täglich beigetragen. Die Londoner Economist Intelligence Unit (EIU) glaubt schon seit dem Frühjahr 2003 den Beginn einer „Überschuss-Situation“ am Weltölmarkt ausmachen zu können. Die Preise seien nur wegen der politischen Turbulenzen in einigen Förderländern (Venezuela, Nigeria und Irak) sowie der niedrigen US-Vorräte so hoch geblieben. „Das kann aber kein Dauerzustand sein.“ 2004 werde das Ölangebot um über 3 % steigen, der Bedarf aber lediglich um 1,3 %. „Die Opec wird 2004 nur mit Mühe den Preis bei knapp 20 $ (für Brentöl) halten können.“ Die daraus ableitbare Formel für die Weltwirtschaft: 10 $ weniger beim Ölpreis bringen 0,5 % mehr Wachstum.

Andererseits gilt die Trefferquote bei Ölpreisprognosen als sehr niedrig. Das New Yorker Fachblatt Petroleum Intelligence Weekly (PIW) veröffentlichte im Frühjahr Schätzwerte aus einer Expertenbefragung zwischen 20 und 29 $ je Barrel für Ende 2003. Diese erhebliche Unschärfe bei der Vorausschau bestehe weiter, stellt Hans-Wilhelm Schiffer, Energieanalyst bei RWE Rheinbraun heraus. „Im Moment ist alles offen. Die Preiswetten bleiben außerordentlich risikoreich.“

Der Essener Energieprofessor Dieter Schmitt warnt zudem davor, dass die Opec aus Sorge vor einem Preisverfall die Ölmengen in den nächsten Monaten allzu niedrig halten könnte. Noch sei eine kräftige Erholung der irakischen Ölexporte nicht in Sicht; gleichzeitig seien die kommerziellen Lagervorräte vor Beginn der Wintermonate relativ gering. Die Kapazitätsreserven im Kartelllager hätten historische Niedrigwerte erreicht. Das Einzige, was man verlässlich prognostizieren könne, sei die Fortsetzung einer prekären Versorgungslage. Die Gefahr von Preisturbulenzen nehme damit immer mehr zu, fasst Schmitt zusammen.

Schmitt weist zudem auf die Bedeutung des Iraks als Stimmungsfaktor der Weltmärkte hin. Schon Nachrichten über eine baldige Wiederaufnahme größerer Ölexporte könnten einen Stimmungsumschwung bewirken und die Preise in Richtung der 20-Dollar-Marke drücken. Doch andererseits dürfe ein Umstand nicht kleingeschrieben werden: Die Opec-Mitglieder hätten in den zurückliegenden Jahren Vertrauen zueinander gewonnen und gelernt, dass ein unkoordinierter Wettlauf um mehr Marktanteile wesentlich mehr schade als nutze, lautet das Fazit von Schmitt. Deshalb werde wohl auch die Integration des Iraks als elftes Kartellmitglied wieder gelingen.

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