Große Abhängigkeit von der US-Börse
Europas Aktien gelten als wenig attraktiv

Die landläufige Meinung, dass europäische Aktien im internationalen Vergleich günstig sind und deshalb noch Kurspotenzial haben, zweifeln Experten in jüngster Zeit zunehmend an.

HB DÜSSELDORF. Auf Grund des schwachen Umsatzwachstums vieler Konzerne und der Abhängigkeit der Aktienkurse von der Wall Street seien keine breiten Kurssteigerungen mehr zu erwarten, glauben sie. Allenfalls der Verzicht auf Zinsschritte könnte den Europäern vorübergehend noch einen Vorteil verschaffen.

„Wenn Aktien billig sind, dann hat das oft einen Grund“, sagt etwa Marktstratege Khuram Chaudhry von der Investmentbank Merrill Lynch in London. Zwar hätten die europäischen Konzerne in den vergangenen Quartalen beeindruckende Gewinnsteigerungen vorgelegt, aber das Gewinnwachstum beruhe zum größeren Teil auf Kostensenkung, weniger auf Umsatzwachstum. Globalstratege James Montier von Dresdner Kleinwort Wasserstein glaubt, dass die Kurse europäischer Aktien sogar schon ein höheres Wachstum einpreisen, als tatsächlich zu erwarten ist. „Ja, Europa ist billiger als die USA. Aber absolut gesehen sind die Aktien hier überhaupt nicht billig“, sagt er.

Nach Berechnungen von Merrill Lynch liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis europäischer Werte – bezogen auf die Gewinne des Jahres 2004 – bei 13,5. US-Werte erreichten dagegen 17,2. Je höher der Kurs bezogen auf den Gewinn je Aktie, desto teurer ist ein Papier. Doch dieser Unterschied sei schon dadurch gerechtfertigt, dass die USA im historischen Vergleich stets höhere Wachstumsraten hatten, meint Chaudhry.

Das Dresdner Team hat errechnet, dass in die europäischen Kurse derzeit ein Wirtschaftswachstum von 5,3 Prozent eingepreist sei. Doch realistisch sei für die Eurozone ein Nominalwachstum von etwa 3,5 Prozent. Die „Bottom-Up-Methode“, die nicht auf gesamtwirtschaftliche Daten blickt, sondern Einzelwerte untersucht, führe zu ähnlichen Ergebnissen: Ein Gewinnwachstum der Unternehmen von 19 Prozent sei für die nächsten zwölf Monate in den Kursen enthalten. Doch solche Prognosen seien gewöhnlich zu optimistisch, sagt Montier. Während der gesamten 90er Jahre hätten Analysten ein Gewinnwachstum von durchschnittlich 19 Prozent vorhergesagt. Eingetreten sei dann lediglich ein Schnitt von sechs Prozent.

Erschwerend kommt für europäische Aktien hinzu, dass sich das Gewinnwachstum weltweit schon bald verlangsamen könnte. Europäische Werte unterliegen gewöhnlich höheren zyklischen Kursschwankungen als Aktien der übrigen Weltregionen. In der Fachsprache heißt das, sie haben ein höheres Beta. In der jüngsten Aufwärtsphase haben die europäischen Werte entsprechend stark zugelegt. Sie hatten seit März 2003 eine um zehn Prozent bessere Kursentwicklung als der Rest der Welt. Wenn sich das Gewinnwachstum der Unternehmen demnächst weltweit verlangsamt, dann dürfte der europäische Hebel-Effekt kaum noch zum Tragen kommen.

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