Handelsblatt-Interview: Katherine Spector, JP Morgan
„Hohe Preise bedingen neue Investitionen“

Katherine Spector, Energy Strategist bei JP Morgan, äußert sich zu den hohen Rohöl- und Erdgaspreisen, den wachsenden Schwierigkeiten bei der Gewinnung der Energieträger, Substitutionsmöglichkeiten und auseinandergehenden Prognosen zur weiterern Entwickung der Ölpreise.

Handelsblatt: Die Lage an den internationalen Energiemärkten ist nach wie vor angespannt. Rohöl und Erdgas sind immer noch teuer. Zum Teil wird bereits von dem Beginn eines neuen Energiezeitalters gesprochen. Was meinen Sie dazu?

Katherine Spector: Es gibt einige mittel- bis langfristige Faktoren mit positiven Auswirkungen auf die Energiepreise, die unseres Erachtens in nächster Zeit nicht verschwinden werden. In der Vergangenheit hat sich der Preis für Öl auf ein Mittel von rund 20 US-Dollar pro Barrel eingependelt, und Erdgas bei einem Mittel von 3 US-Dollar pro MMBtu. Für die Zukunft rechnen wir mit einem langfristigen Mittel für Erdöl von 35-40 US-Dollar pro Barrel bzw. für Erdgas 5-6 US-Dollar pro MMBtu. Eine Reihe von Faktoren bekräftigt diese Ansicht.

In Bezug auf Erdöl vertreten wir die Ansicht, dass uns in nächster Zeit zwar nicht das Öl „ausgehen“ wird, aber dass die Gewinnung von Erdöl mit mehr Schwierigkeiten verbunden sein wird. Mit anderen Worten: Ein zunehmender Prozentsatz der weltweiten Ölreserven befindet sich an Orten, an denen die Erdölförderung aufgrund von geologischen oder geopolitischen Faktoren erschwert ist. Die Nachfrage nach Öl – die selbst in Zeiten schwachen wirtschaftlichen Wachstums schrittweise ansteigt – wird zudem durch die Entwicklung neuer Wirtschaftsmächte verstärkt, die sich zurzeit in einem Entwicklungsstadium befinden, das im Vergleich zu den Wirtschaften der Industrienationen der USA und in Westeuropa mit einem höheren Energieverbrauch verbunden ist. Aus struktureller Sicht verfügt die Ölindustrie derzeit im Vergleich zur Nachfrage über weniger Vorräte als in der Vergangenheit. Das bedeutet, dass temporäre Marktstörungen – wie zum Beispiel ein Hurrikan oder der Ausfall einer Pipeline – momentan akutere Auswirkungen auf den Markt haben werden als früher.

Beim Erdgas wird Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG)) in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Da die Ergasvorkommen in den USA zurückgehen, ist es schwer vorzustellen, wie die Industrie in der Lage sein wird, die US-Nachfrage ohne größere Flüssigerdgasmengen oder ohne eine Pipeline aus Alaska zu befriedigen. Eine weitere wichtige Frage ist, wie die seit kurzem höheren Erdgaspreise die künftige Struktur der Gasnachfrage für die Energieerzeugung in den USA und in anderen Ländern beeinflussen wird. Aufgrund des weltweiten Anstiegs der Gasnachfrage sowohl im privaten Bereich als auch für die Energieerzeugung werden bestimmte Industrien bei höheren Preisen für einen Nachfrageeinbruch bei Erdgas anfällig sein. Flüssigerdgas dürfte der entscheidende Faktor für das Gleichgewicht auf dem Gasmarkt sein. Die USA durften in diesem Sommer schon erleben, welche Auswirkungen der zunehmende Wettbewerb mit anderen Erdgas nachfragenden Ländern nach zusätzlichem Flüssigerdgas hat. Diese Entwicklung wird sich wohl in den kommenden Jahren nur verstärken.

Doch die Vorstellung, dass wir niemals wieder billiges Öl oder Gas kaufen können, ist eine gewagte These in diesen in der Vergangenheit typischen Boom-Bust-Märkten. Die Energiemärkte haben schon immer zwischen Perioden der Über- und Unterinvestition geschwankt. Die momentane Situation ist das Ergebnis einer Unterinvestition in den vor- bzw. nachgelagerten Netzen sowie in den Vertriebsnetzen. Hohe Preise werden zu neuen Investitionen führen – zum Teil ist dies schon geschehen – und das wird sich irgendwann auch auf den Markt auswirken – aber nicht über Nacht.

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