Hohe Rohstoffpreise und starke Nachfrage aus dem Ausland
Analysten stellen sich auf weiter steigende Kurse in Moskau ein

MOSKAU. Der russische RTS-Leitindex springt derzeit täglich von einem Allzeithoch aufs nächste. Vor allem der Rekordpreis für Rohöl nährt den ungeahnten Börsenaufschwung. Die Aktien der Unternehmen des Riesenreichs erklimmen immer neue Höhen – obwohl die politische Großwetterlage wieder einmal unberechenbar scheint, wie die Korruptionsaffäre um Ex-Premier Michail Kasjanow und der Russland-Geldwäscheskandal der Commerzbank belegen. Das aber scheint nach Angaben Moskauer Händler höchstens einige ausländische Investmentfonds zu verunsichern. Und so stocken die einheimischen Akteure ihre Portfolios kräftig mit wachstumsstarken russischen Titeln auf.

„Jetzt geht es munter bis auf 850 Punkte hoch“, prophezeit der Leiter der Analyseabteilung für Marktkonjunktur der Gazprombank, Sergej Suworow. „Ich hoffe, der RTS überspringt bis Jahresende sogar die 1000er-Marke“, sagt Marlen Manasov von Brunswick UBS.

Der russische Leitindex RTS hatte am Dienstag mit 790,77 Punkten ein Allzeithoch erreicht und notierte gestern knapp zehn Punkte darunter. Zuvor hatte er seinen Rekord im August 2004 mit 781,55 Zählern erreicht. Danach ging es auf und ab. Grund dafür waren nach einhelliger Meinung der Analysten die politischen Unsicherheiten im Zuge der Yukos-Affäre, die zu einem faktischen Investitionsstreik und stark sinkendem Wirtschaftswachstum geführt hatten.

Das alles scheint nun abgehakt, und vor allem ausländische Investoren tragen vermehrt ihr Geld als Direktinvestoren in Form von Firmenkäufen und Fabrikbauten sowie als Portfolio-Investoren mit Aktienkäufen ins Reich zwischen Petersburg und Pazifik. „Wir holen jetzt die im vorigen Jahr durch die Krise um den Ölkonzern Yukos aufgehaltene Rally nach“, erklärt Eric Kraus, der immer optimistische Chefstratege des Brokerhauses Sovlink, die aktuelle Lage.

Neben Psychologie sprechen auch zahlreiche objektive Gründe für die Russland-Hausse: So notieren Rohstoffe auf Rekordhöhen, und mehr als 40 Prozent der im RTS notierten Unternehmen verdienen ihr Geld allein mit Öl und Gas. Hinzu kommt, dass mehr russische Aktien im Mai in den weltweit führenden MSCI-Emerging-Market-Index aufgenommen wurden. Das verstärkte die Nachfrage nach russischen Dividendentiteln bei internationalen Anlegern.

Belebt wurde die Nachfrage noch durch ein drastisch ausgeweitetes Angebot: Seit Jahresbeginn zünden russische Firmen ein Feuerwerk an Börsengängen. Allein die erstmalige Aktienemission des privaten Gazprom-Konkurrenten Novatek war dreizehnfach überzeichnet. Und Gazprom selbst, der weltweit größte Gasförderer, dürfte nach Analystenmeinung bei der bis Jahresende erwarteten Liberalisierung zum größten MSCI-Einzeltitel aufsteigen. Weitere Treiber waren Russlands größter Ölproduzent Lukoil, bei dem der US-Ölkonzern Conoco-Phillips immer mehr Anteile erwirbt, und die staatlich kontrollierte größte russische Bank, Sberbank, deren Aktien jetzt auch im Westen gehandelt werden können.

Lukoil liegt denn auch mit einem Anstieg des Aktienkurses seit Jahresbeginn von rund 38 Prozent klar über dem seither verzeichneten RTS-Zuwachs von rund 28 Prozent, die Sberbank mit gut 55 Prozent noch deutlich darüber. Gazprom indessen hat bereits im vorigen Jahr so Schwindel erregende Höhen erreicht, dass die Luft wegen der weiteren Unklarheiten über die Liberalisierung dünn geworden ist. Trotz der Gewinnverdoppelung im zweiten Quartal sind die Papiere seit Jahresanfang erst um gut 15 Prozent gestiegen. Vor diesem Hintergrund rät Wjatscheslaw Gundar von der Moskauer Ural-Sib-Bank in Korrekturphasen zum Einstieg.

Da aber das Spektrum der russischen Aktien für Nicht-Russland-Profis unübersichtlich und vor allem die Papiere von Unternehmen der zweiten Reihe häufig wenig liquide und für nicht in Moskau ansässige Anleger schwer zu erhalten sind, empfehlen sich Fonds oder ausgewählte Standardwerte – wie der von Ural-Sib zum Kauf empfohlene weltgrößte Nickelproduzent Norilsk Nickel, die von der Investmentbank als überdurchschnittlich eingestuften Telekomtitel Vimpel Com, MTS oder Rostelekom. Insgesamt seien russische Aktien nach wie vor sehr attraktiv, meinen jedenfalls die Analysten der österreichischen Raiffeisen Capital Management.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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