Insider-Barometer
Insider halten sich zurück

Deutschlands Topmanager können die anhaltend gute Laune an den Börsen nicht nachvollziehen. Während der Leitindex Dax am Freitag erneut einen Anlauf in Richtung seines Jahreshochs nahm, zeichnen sich Vorstände und Aufsichtsräte der Gesellschaften durch immer größere Zurückhaltung aus. Sowohl die Anzahl als auch die Volumina der Insiderkäufe und-verkäufe rangierten zuletzt auf extrem niedrigem Niveau.
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FRANKFURT. "Wir stehen an einem Wendepunkt", sagt Olaf Stotz, Professor an der Frankfurt School of Finance. Die Unternehmenslenker, die täglich tiefen Einblick in Abläufe und Auftragslage ihrer Firmen bekommen, halten sich seiner Ansicht nach wegen der großen Unsicherheit darüber zurück, wie es sowohl mit der gesamtwirtschaftlichen Lage als auch mit dem eigenen Unternehmen weitergeht. "Solche Phasen wie im Moment sind stets ein Zeichen dafür, dass die Lage an der Basis ganz anders eingeschätzt wird als an der Börse", sagt Stotz. Dort hätten die Anleger zuletzt vieles vorweggenommen.

Mit einem Fragezeichen versehen viele Analysten inzwischen auch die vermeintlich guten Quartalszahlen der vergangenen Tage. Die Experten von Close Brothers Seydler bemängelten bei genauerem Hinsehen, dass viele der dort berichteten Gewinnsteigerungen hauptsächlich durch Kostensenkungsprogramme und weniger durch eine substanzielle Verbesserung der Nachfrageseite zustande gekommen sind. Bei diesen Programmen handelt es sich jedoch ebenso wie bei Konjunkturprogrammen und Steuerrückerstattungen um einmalige Effekte, die die aktuelle Lage besser erscheinen lassen als sie eigentlich ist.

Weil das Gros der Unternehmensinsider den aktuellen Kursaufschwung mehr auf das hohe Maß an Liquidität als auf fundamentale Verbesserungen zurückführt, kommt es von ihrer Seite kaum noch zu Käufen. Nur zwei Topmanager aus den insgesamt 160 Unternehmen des Dax, MDax, TecDax und SDax haben in den vergangenen beiden Monaten zugegriffen, und das nur in überschaubarem Maße. Das Insiderbarometer, das anhand der an die Börsenaufsicht BaFin gemeldeten Kauf- und Verkaufsorders der Topmanager errechnet wird, ist zuletzt auf rund 80 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit Mai 2006 gefallen. Das hat das Forschungsinstitut für Asset Management an der Uni Aachen zusammen mit Commerzbank Wealth Management errechnet. Bei Werten unter 90 Punkten gibt das Barometer ein Verkaufssignal für den gesamten Markt.

Wie damals hatten sich Deutschlands Topmanager in der frühen Phase des Aufschwungs mit Aktien eingedeckt, anschließend bei stetig steigenden Kursen aber die Finger davongelassen. Erst als sich in der zweiten Jahreshälfte 2006 abzeichnete, dass der zwischenzeitlich schon über drei Jahre andauernde Aufschwung noch eine Weile anhalten würde, hat manch einer noch einmal zugekauft. An einer solchen Wartestelle fühlen sich die Unternehmensinsider derzeit wieder.

Lediglich bei Unternehmen, die sich weiter in einer schwierigen Phase befinden und deren Aktie bei einer Verbesserung der Lage deshalb Aufwärtspotenzial bietet, kaufen die Manager. So geschehen beim Spezialchemiehersteller H&R Wasag und beim Bahnspezialisten Vossloh. Beide Aktien hatten es zuletzt wegen der Zurückhaltung der Kunden bei der Auftragsvergabe schwer. Dennoch haben hier Topmanager gekauft und sind damit ihrem generellen Ruf als Kontraindikatoren, die dann kaufen, wenn der Markt Chancen noch nicht entdeckt hat, gerecht geworden. Prominentester Verkäufer ist Ulrich Höller, Vorstandschef des Immobilienunternehmens DIC Asset. Nachdem sich die Aktie seit Juli verdoppelte, hat er sich von Papieren getrennt.

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