Interview
„Sehr stabil untermauert“

Warum Holger Benke, Vermögensverwalter der Hertie-Stiftung, Aktien verkauft hat, obwohl er glaubt, dass die Kurse auf Dauer steigen.
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Herr Benke, wo steht der Dax zum Jahresende?

Benke: Keine Ahnung. Einen Indexstand vorherzusagen ist unmöglich. In den vergangenen 15 Jahren sind Analysten daran, so das Ergebnis einer Untersuchung von uns, regelmäßig gescheitert.

Sie haben sowohl 2006 als auch in diesem Jahr mehr als doppelt so gut abgeschnitten wie der Durchschnitt der Stiftungsfonds von den großen Anbietern. Wie schafft man das, wenn man keine Vorstellung von der künftigen Kursentwicklung hat?

Wir sind weniger zyklisch und von Emotionen getrieben als andere, weil wir uns an selbst auferlegte Regeln halten. Und wir haben niedrigere Kosten als die meisten Fonds, weil wir vor allem Indexprodukte kaufen und wenig Personal haben.

Können auch Privatanleger nach Ihrem Modell handeln?

Natürlich. Ich kann als Privatanleger Quoten bestimmen und festlegen, wie hoch mein Anteil an Anleihen, Aktien, Immobilien sein soll. Diese Aufteilung würde ich dann jährlich oder halbjährlich anpassen. Wenn die Aktienkurse stark gestiegen sind, verkaufe ich Aktien, weil sonst ihr Anteil am Depotwert zu hoch ist. Wenn der Markt fällt, kaufe ich nach.

Haben Sie schon Aktien verkauft?

Wir haben unsere Aktienquote von 34 Prozent Ende 2006 auf aktuell rund 30 Prozent reduziert. Die Quote soll immer bei knapp einem Drittel des angelegten Vermögens liegen. Sobald die Kurse kräftig nach oben gegangen sind, haben wir verkauft, dann gewartet, bis die Quote wieder gestiegen ist und erneut verkauft. Wir müssten logischerweise auch nachkaufen, wenn die Quote auf 25 Prozent fällt.

Das erfordert Mut.

Ich gehe davon aus, dass wir den aufbringen. Wenn man sich Regeln setzt, sollte man sie auch durchhalten. In der Baisse nach dem Jahr 2000 sind wir auch nicht aus Aktien raus, wie es etwa die Versicherer getan haben.

Auch wenn Sie keine Prognosen abgeben, eine Meinung zum Aktienmarkt werden Sie wohl haben?

Ich habe zwei - eine Gefühls- und eine Kopfmeinung. Mein Bauch sagt mir, dass die Kurse enorm gestiegen sind. Der Dax hat seit 2003 rund 250 Prozent zugelegt. Die Erfahrung lehrt, dass Märkte, die enorm gestiegen sind, wieder einbrechen.

Und was sagt Ihr Verstand?

Dass der Kursaufschwung sehr stabil von Fakten untermauert ist, wesentlich besser als vor dem Jahr 2000. Die Konjunktur läuft gut. Deutsche Unternehmen haben enorm rationalisiert, jetzt ernten wir die Früchte. Der deutsche Aktienmarkt müsste sich überproportional gut entwickeln, wenn der weltweite Aktienaufschwung weitergeht. Außerdem ist es plausibel, dass Aktien auf Dauer immer steigen.

Warum?

Weil Anleger sie sonst nicht kaufen würden. Die Dividende allein kann nicht mit dem für Anleihen gezahlten Zins konkurrieren. Hinzu kommt, dass Unternehmen nicht alle Gewinne ausschütten, sondern einen Teil einbehalten, um Substanz aufzubauen. Wenn Aktien daher auf lange Sicht steigen, müssen auch historische Höchststände...

...wie die 8 136 Punkte im Dax...

...irgendwann gebrochen werden, und zwar nachhaltig. Warum soll das nicht in den nächsten Wochen oder Monaten passieren. Dass wir uns dem Gipfel nähern, signalisiert noch kein höheres Risiko.

Die Übernahmepreise für Unternehmen haben kräftig angezogen. Viele sagen, nach dem Internet-Hype sei der Übernahmewahn die nächste Blase. Sehen Sie keine Anzeichen für irrationale Übertreibungen?

Alle Preise sind gestiegen. Selbst die Kurse von Anleihen sind noch deutlich höher als vor zwei Jahren. Das sagt noch nichts. Beruhigend für die Börse ist, dass der aktuelle Aufschwung ruhiger vonstatten geht als vor der Jahrtausendwende. Dass jede Hausfrau noch schnell ein Depot aufmacht, um auf Kredit zu spekulieren, das beobachten wir diesmal nicht. Deutsche Anleger haben eine Menge gelernt.

Die Banken verkaufen Privatanlegern vor allem Zertifikate.

Wir kaufen die auch, lassen uns aber von den Banken ausrechnen, welche Auswirkungen sie auf unser Vermögen haben, wenn die Märkte zehn Prozent rauf oder runter gehen, wenn der Zinstrend dreht oder Ähnliches. Manche Banken schaffen das sofort, manche brauchen dafür Tage.

Für Private rechnen sie das nicht aus.

Deshalb wird mancher Anleger mit Zertifikaten auch noch Überraschungen erleben. Wenn jemand vier, fünf unterschiedliche Zertifikate hat, kann er kaum noch vorhersagen, was mit seinem Vermögen passiert, wenn der Markt sich stärker bewegt.

Erwarten Sie mehr Inflation, weiter steigende Zinsen und fallende Anleihekurse?

Die Notenbanken senden entsprechende Signale, erst am Mittwoch hat die Europäische Zentralbank den Leitzins erhöht. Inflation sehe ich nicht. Lohnforderungen halten sich im Rahmen, ein steigender Ölpreis hat immer nur mäßig gestört. Und die Globalisierung überschwemmt uns mit billigen Waren. Das hält die Preise unten.

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