Investoren legen Zurückhaltung gegenüber Tui ab
Stimmungsumschwung gibt Touristik-Aktien Auftrieb

Nach drei Jahren Krise gesundet die Tourismusindustrie allmählich. Viele Unternehmen haben ihre Kostenbasis deutlich reduziert, die Gästezahlen drehen ins Plus, und die boomenden Billigflieger locken über attraktive Ticketpreise neue Kunden an – auch für den Tourismus.

HB FRANKFURT/M. „Wir haben wieder robustes Wachstum“, frohlockte Tui-Vorstandschef Michael Frenzel in der Vorwoche. Der Aktienkurs von Europas Marktführer spiegelt den Stimmungswechsel der Branche wider. Das Tui-Papier nahm zuletzt kräftig Fahrt auf und stieg zu Wochenbeginn erstmals seit eineinhalb Jahren wieder über die 20-Euro-Marke.

Auch die fortschreitende Sanierung des tief gefallenen Branchenzweiten Thomas Cook wirkt sich positiv auf die Stimmung aus. Die gemeinsame Reise-Tochter von Lufthansa und Karstadt-Quelle bestätigte zu Wochenbeginn ihr ambitioniertes Ziel, im laufenden Geschäftsjahr 2004/2005 wieder ein positives Konzernergebnis vorlegen zu wollen. In den beiden Jahren zuvor hatte Thomas Cook Verluste im dreistelligen Millionenbereich verbucht.

Der Rivale Tui will den Erholungstrend am Wochenende untermauern und zur weltweit größten Reisemesse ITB steigende Buchungszahlen vorlegen. Überzeugende ökonomische Gründe für die jüngsten Kursgewinne bei Tui gebe es bisher allerdings kaum, sagte Analyst Oliver Caspari vom Bankhaus Lampe. Er geht vielmehr davon aus, dass Investoren seit Wochen die Risikoprämie abbauen, die seit dem drohenden Dax-Abstieg im Vorjahr an der Tui-Aktie haftet. Die erwartete Erholung sei bei der Tui-Aktie größtenteils im Kurs enthalten, sagt Klaus Linde von SES Research. Er sieht europaweit noch keinen Stimmungswandel im Konsumverhalten und gibt den fairen Wert des Papiers mit 17 bis 18 Euro an. Optimistischer zeigt sich die NordLB, die am 23. März starke Tui-Jahreszahlen sowie eine Dividende von unverändert 0,77 Euro erwartet. Die Bank hob das Kursziel auf 22,50 Euro an.

Dass die Tui für das abgelaufene Geschäftsjahr 2004 eine positive Entwicklung in den Bereichen Touristik, Containerschifffahrt (Hapag-Lloyd) und Stahlhandel vorlegen wird, gilt in Finanzkreisen als sicher: Vier Jahre nach Übernahme der britischen Thomson Travel und zwei Jahre nach der schweren Touristik-Krise sollte Tui in der Lage sein, zufrieden stellende Renditen zu erwirtschaften, sagte Christian Obst von der Hypo-Vereinsbank.

Die Ergebnissprünge bei Tui und Thomas Cook werden bisher allerdings über Kostensenkungen erreicht – und nicht über kräftige Erlöszuwächse. Von einem Boom wie einst im Jahr 2000 sind die Reiseanbieter noch weit entfernt. „Ich erwarte nicht, dass der deutsche Markt 2005 wächst“, sagte Alltours-Chef Willi Verhuven dem Handelsblatt. Auch Thomas-Cook-Chef Wolfgang Beeser schränkte ein, der private Konsum bleibe im Vergleich zum Wirtschaftswachstum in Europa „relativ schwach“. Branchenexperten sehen zudem die anhaltenden Preisnachlässe im Markt skeptisch: Sie gehen davon aus, dass ein Großteil der Zuwächse auf die ausgedehnten Frühbucherrabatte vieler Veranstalter zurückzuführen ist.

Tui und Thomas Cook müssen sich darüber hinaus sorgen, dass ihr Kernprodukt Pauschalreise allmählich aus der Mode kommt. Der Boom der Billigflieger fördert den Trend zu Online-Buchungen und führt damit virtuellen Reiseanbietern wie Expedia, Opodo oder Flyloco Geschäft zu. Die etablierten Veranstalter reagieren auf diese Gefahr mit der Gründung eigener Direktanbieter, die Urlaubsreisen nur noch via Internet verkaufen sollen.

Dass diese kostengünstige Form des Reisevertriebs jedoch kein Selbstläufer ist, haben Aktionäre von Lastminute.com bereits schmerzlich erfahren müssen: Der britische Internet-Shop hat es seit dem Börsengang im März 2000 nicht in die schwarzen Zahlen geschafft. Weil das Unternehmen Ende 2004 einen deutlich gestiegenen Jahresverlust von 76,9 Mill. Pfund meldete, brach der ohnehin schwache Aktienkurs erneut prozentual zweistellig ein.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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