Kapitalmarkt
Deutschland: Die Zuversicht kehrt zurück

Der deutsche Kapitalmarkt steht vor einer Renaissance. In diesem Jahr haben die heimischen Unternehmen die Börse links liegen gelassen. Nur vereinzelt kam es zu Kapitalerhöhungen und Aktienemissionen. Doch nach einer Umfrage des Handelblatts erwarten Banker, dass der Markt wieder auflebt.

FRANKFURT. Die Hoffnungen ruhen besonders auf Kapitalerhöhungen. Andreas Bernstorff, Chef des Bereichs Aktienemissionen der Citigroup in Deutschland, erwartet dabei "eine Konzentration auf die Zeit nach der Bundestagwahl". Dann sieht er gute Chancen, dass Firmen, die sich restrukturieren, gleichzeitig ihr Eigenkapital stärken.

Das bisher trübe Bild in Deutschland passt nicht zur Lage in den wichtigsten Ländern weltweit. In China schreckt die Finanzkrise die Investoren nicht davon ab, die Aktien bei Börsengängen zu kaufen. In Großbritannien und den USA liegt der Schwerpunkt auf Kapitalerhöhungen. Deren Volumen liegt in den USA auf dem und in England sogar um 30 Prozent über dem Niveau des Vorjahres, hat der Finanzdatendienstleister Thomson Reuters aktuell errechnet. Weltweit wurden bis Ende August Kapitalerhöhungen über gut 510 Mrd. Dollar durchgezogen, fast so viel wie im vergangenen Jahr. Bei Börsengängen addiert sich das Volumen auf knapp 29 Mrd. Dollar - gerade einmal ein Viertel des Volumens von 2008.

Angesichts deutlicher Kurssteigerungen in den vergangenen Monaten biete sich ein "klares Fenster für die Emission von Eigenkapitalprodukten", sagt Achim Schäcker, der bei HSBC Trinkaus die Aktienemissionsabteilung leitet, mit Blick auf Deutschland. Die Gründe dafür, schnell zu handeln, lägen insbesondere in der Gefahr eines verfrühten Konjunktur-Optimismus, verbunden mit einer in 2010 möglicherweise eher seitwärts verlaufenden konjunkturellen Entwicklung und einer entsprechenden Rückschlagsgefahr am Aktienmarkt.

"Die Flexibilität von Bilanz und Kapital", steht für Klaus Schinkel, Deutschlandchef für Aktienemissionen bei der Royal Bank of Scotland, für die Unternehmen im Vordergrund. Für Stefan Winter, Vorstand der UBS in Deutschland, bieten sich Konzernen strategische Kaufgelegenheiten, die zur Finanzierung zusätzliches Kapital erfordern. Zumal die Ratingagenturen Druck für eine höhere Eigenkapitalausstattung aufbauten. Berthold Fürst, der den deutschen Bereich Fusionen und Übernahmen der Deutschen Bank führt, erwartet, dass Restrukturierungsfälle "teilweise über die Schiene Kapitalerhöhungen gelöst werden".

Die größte Kapitalerhöhung, für die gute Chancen noch in diesem Jahr gesehen werden, ist die Emission von Vorzugsaktien des Volkswagen-Konzerns im Volumen von über vier Mrd. Euro. Erwartet wird aber auch eine Kapitalerhöhung des Autozulieferers Continental in Höhe von bis zu 1,5 Mrd. Euro. Voraussetzung: Es muss geklärt sein, wer der neue Aufsichtsratsvorsitzende der Hannoveraner wird, und die Gläubigerbanken des Zulieferers sowie die des Conti-Mehrheitsaktionärs Schaeffler müssen sich über das weitere Vorgehen einigen. Pläne sehen die Banker zudem bei den Unternehmen Heidelcement sowie Deutsche Wohnen reifen. Dazu dürften noch etliche kleinere Emissionen kommen.

Bei Börsengängen (IPOs) verbessert sich die Lage ebenfalls. Steffen Gratzer, Deutschland-Chef Aktienemissionen von Credit Suisse, rechnet damit, dass sie in diesem Jahr wieder anlaufen. Für das erste Halbjahr 2010 erwartet er fünf bis zehn Emissionen mit einem Volumen von mehr als 100 Mio. Euro. Zu den Kandidaten für dieses Jahr gehört der Baukonzern Hochtief, der für seine Flughafentocher Concessions ein IPO durchspielt.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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