Keine öffentliche Emission
Evonik startet Börsengang durch die Hintertür

Bereits drei Mal hat Evonik seinen Börsengang absagt. Nun scheint es tatsächlich zu klappen: Ende der Woche startet der Chemiekonzern auf dem Frankfurter Parkett. Aktien im Wert von zwei Milliarden Euro werden gehandelt.
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Frankfurt/EssenFußballfans ist der Evonik-Schriftzug vom Trikot des Deutschen Fußballmeisters Borussia Dortmund schon länger geläufig. Nun lernen auch Börsenhändler ohne Sportambitionen den Essener Spezialchemiekonzern kennen. Nach drei gescheiterten Anläufen in den vergangenen Jahren wagt das Unternehmen erneut den Sprung an die Börse – und diesmal aller Voraussicht nach mit Erfolg.

Nach der Börsenzulassung werde mit der Erstnotierung am Frankfurter Parkett am Donnerstag gerechnet, hieß es am Montag aus Anlegerkreisen. Börsenfachleute erwarten, dass der Wert sehr schnell in den MDax aufsteigt.

Es ist Deutschlands bisher größter Börsengang des Jahres – und zugleich ein Börsengang durch die Hintertür. Die Deutsche Bank und die Investmentbank MainFirst begleiten Evonik an den Aktienmarkt. Das Unternehmen startet keine klassische öffentliche Emission, sondern hat im Februar und März in mehreren Schritten rund zwölf Prozent der Aktien bei vorbörslichen Privatplatzierungen an Investoren wie den Singapur-Staatsfonds Temasek vergeben.

Zwei weitere Prozent gehen an institutionelle Investoren. Wegen der großen Nachfrage habe sich der zugrunde gelegte Preis im Laufe des Verfahrens erhöht, hieß es. Insgesamt wird für die 14 Prozent der Aktien mit Einnahmen von rund zwei Milliarden Euro gerechnet.

Evonik-Chef Klaus Engel versprach den Investoren im März bei der Bilanzvorlage ein „attraktives Wachstum ohne Abenteuer“. Der einstige Mischkonzern – 2007 aus den Industrieanteilen des Kohlekonzerns RAG hervorgegangen – hatte sein Portfolio seit Jahren zielstrebig auf das Kernfeld Spezialchemie und den Börsengang getrimmt: Die Mehrheit an der Energietochter Evonik-Steag wurde verkauft. 2011 gab Evonik sein Ruße-Geschäft (Carbon Black) ab, 2012 folgten die Farbstoffe (Colorants) und Evonik trennt sich von Teilen seiner Immobilien-Tochter Vivawest.

Der Konzerngewinn stieg 2012 um knapp ein Fünftel auf 1,2 Milliarden Euro. Das Unternehmen investiert stark in Asien und setzt auf Trends wie die weltweit immer hochwertigere Ernährung mit steigendem Fleischanteil: Evonik baut riesige Fabriken für Aminosäuren zur Tierfutterproduktion.

Beim globalen Bevölkerungswachstum ist Evonik mit Superabsorbern für Babywindeln dabei. Die Investitionen in aller Welt kann Evonik dabei fast komplett aus eigenen Mitteln decken, größere Übernahme-Abenteuer hat sich das Management bisher verkniffen.

Für den Haupteigner RAG-Stiftung, dem nach dem Börsengang noch rund 68 Prozent verbleiben, ist Evonik ein Dauerinvestment mit festgeschriebenem Ziel: Aus den Erlösen des Börsengangs, Dividenden und Kapitaleinnahmen muss die Stiftung nach ihrer Satzung die dauerhaften Folgekosten des Steinkohlebergbaus in Deutschland nach dem Ende der Förderung 2018 tragen.

Nach aktuellen Berechnungen benötigt die Stiftung für diese „Ewigkeitslasten“ ab 2019 einen Vermögensstock von rund 13 Milliarden Euro. Die rund zwei Milliarden Euro für 14 Prozent Aktienanteil entsprechen einer Unternehmensbewertung von gut 14 Milliarden Euro. Das Ziel dürfte erreicht und übertroffen werden, wenn Evonik-Chef Engel bei der Erstnotierung in Frankfurt die Glocke läutet.

Beim Verkauf der letzten Tranche werde eine Bewertung des Konzerns von etwas mehr als 15 Milliarden Euro erwartet, hatte es bereits in Finanzkreisen geheißen. Der Finanzinvestor CVC und die RAG-Stiftung werfen dabei jeweils ein Prozent auf den Markt. Am Donnerstag stehe dann die Erstnotiz an. CVC - die ursprünglich rund 25 Prozent an Evonik besaß - dürfte danach bald weitere Papiere verkaufen.

Sehr viel unsicherer sind dagegen die Aussichten des von Evonik gesponserten BVB: Der schwarz-gelbe Ruhrgebietsclub, dem viele Evonik-Mitarbeiter auch privat anhängen, spielt an diesem Mittwoch gegen Real Madrid im Champions League-Halbfinale. Eine Niederlage könnte Engel alle Börsenfreunden verderben.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Ja, das braucht wer. Wenn die Fa so solide weiter wirtschaftet wird das ein positiver Beitrag zu Depot und Dividendensaldo.

  • Also, die RAG-Stiftung besorgt sich jetzt mit dem Börsengang das Geld, was sie braucht, um die Altlasten vom Steinkohlebergbau zu tragen. Und dazu benötigt sie 13 Milliarden Euro, wobei jetzt erst Mal 2-5 Milliarden von den Käufern eingesammelt werden und sie weiter 68% hält. Also reden wir hier von 32% Freiverkehrsaktien, die garantiert nie ein Mitspracherecht ermöglichen. Braucht das wer?

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