KPN, Deutsche Telekom und Telefónica bevorzugt – Anleihen des Sektors sind bereits gut gelaufen
Telekom-Aktien kommen wieder in Mode

Die guten Nachrichten aus der europäischen Telekom- Branche reißen nicht ab: Am Freitag meldete die niederländische KPN zum vierten Mal in Folge einen Quartalsgewinn und erhöhte gleichzeitig die Jahresprognose um 400 Mill. Euro. Zuvor hatten bereits die anderen europäischen Telekommunikations-Konzerne mit guten Ergebnissen überzeugt.

DÜSSELDORF. „Die Halbjahreszahlen waren durch die Bank gut“, lobt Stefan Borscheid, Telekom-Analyst bei der Hypo-Vereinsbank (HVB). An der Börse wurden die Zahlen ihm zufolge aber nicht ausreichend honoriert: „Verglichen mit dem Gesamtmarkt war die Entwicklung der Telekom-Aktien in den vergangenen Monaten nicht so gut, wie die Zahlen dies hätten erwarten lassen.“ Bei der Suche nach Gründen tut sich der Analyst schwer: „Eine einheitliche Story gibt es bei den großen Konzernen nicht, vielmehr spielten eine Reihe von Faktoren ins Bild hinein.“ Bei Telecom Italia beispielsweise bremste die Fusion mit Olivetti den Aktienkurs, bei der Deutschen Telekom standen Gerüchte, der Staat könne Anteile abgeben, sowie die Ankündigung einer großen Wandelanleihe einem stärkeren Kursanstieg im Wege.

Marcus Sander, Analyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim, führt die schwächere Entwicklung der Telekoms auf die Konjunkturhoffnungen am Markt zurück: „In den letzten Wochen sind konjunktursensitive Werte in den Vordergrund gerückt.“ Sobald sich die Nachfrage nach den Zyklikern etwas beruhigt, sollten Telekom-Aktien aber wieder mehr Beachtung finden. „Fundamental sind die Titel relativ niedrig bewertet, gerade weil die Unternehmen inzwischen einen hohen Free-Cash-Flow generieren“, sagt Sander. Die Aktien von Deutscher Telekom, France Télécom, KPN und Telefónica bewertet er allesamt mit „Outperformer“.

Etwas kritischer als Sander sieht Per-Ola Hellgren von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) die hohen Cash-Flows der Unternehmen. Diese seien im Wesentlichen auf deutliche Kürzungen bei den Sachanlageinvestitionen zurückzuführen, schreibt er in einer Studie. Darunter leide allerdings das Wachstumspotenzial. Aktuell hält Hellgren Telekom-Aktien – mit Ausnahme von Telefónica, die von dem bevorstehenden Aufschwung in Brasilien profitieren dürften – für fair bewertet. Höhere Kurse seien nur durch neue Wachstumschancen zu rechtfertigen.

Diese sieht HVB-Analyst Borscheid vor allem im Mobilfunksektor. Und auch der Internet-Bereich werde in Zukunft eine wichtigere Rolle spielen: „Das Internet-Geschäft wird in den kommenden Jahren einen wesentlich stärkeren Einfluss auf die Umsatz- und Ergebnisentwicklung in den Konzernen haben“, erwartet er. Speziell der Deutschen Telekom traut Borscheid in näherer Zukunft noch einiges zu und empfiehlt die Aktie mit Kursziel 16 Euro zum Kauf.

Anders als auf dem Aktienmarkt waren die Titel von Telekom-Unternehmen auf dem Anleihenmarkt im ersten Halbjahr die großen Gewinner. Experten schätzen die weiteren Chancen für Anleihen des Sektors daher verhalten ein: „Telekom-Bonds sind seit Jahresanfang sehr gut gelaufen und haben den breiten Markt deutlich geschlagen“, sagt Josef Helmes, Anleihen-Analyst bei der Bayerischen Landesbank. Der Renditeaufschlag zu Bundesanleihen (Spread) habe sich von 180 auf 90 Basispunkte halbiert. Für weitere Spreadeinengungen, die im Umkehrschluss steigende Kurse bedeuten, sieht Helmes nur wenig Potenzial: „Die Fortschritte der Unternehmen bei der Entschuldung und die verbesserte Rating-Situation sind in den Anleihen-Kursen jetzt eingepreist.“ Andererseits seien die Fundamental-Daten der Konzerne und insbesondere die Verschuldungssituation inzwischen so solide, dass auch keine größeren Kursverluste zu erwarten seien. Helmes empfiehlt folglich eine „neutrale“ Gewichtung von Telekom-Anleihen.

Etwas positiver schätzt Christian Albrecht von der DZ-Bank die Situation ein: „Kleinere Spreadeinengungen kann ich mir bei einzelnen Werten durchaus noch vorstellen“, sagt der Analyst. Nach den positiven Zahlen vom Freitag sieht er zum Beispiel die niederländische KPN auf dem richtigen Weg: „Sollte sich der positive Kredittrend bei KPN fortsetzen, können wir uns eine Rating-Heraufstufung in den unteren A-Bereich durchaus vorstellen.“ Dies würde laut Albrecht Spielraum für gewisse weitere Spreadeinengungen lassen. Einen positiven Kredittrend sieht die DZ-Bank auch bei Deutscher Telekom und France Télécom.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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