Kurskapriolen bei Volkswagen
„Die Deutsche Börse muss auf VW reagieren“

Die Kurskapriolen der VW-Aktie treffen nicht nur Spekulanten, die auf einen Kursverfall des Papiers gesetzt haben. Als Folge der Rally müssen Portfoliomanager ihre Depots umschichten. Das verzerrt den ganzen Dax. Um das Vertrauen in den Index zu erhalten, muss die Deutsche Börse reagieren, fordert Christian Stocker, Aktienstratege und Indexexperte der Hypo-Vereinsbank im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Herr Stocker, wie erklären Sie sich die Exzesse bei VW-Aktien?

Das, was da passiert, hat mit realistischer Aktieneinschätzung nichts zu tun. Die VW-Aktie ist hoffnungslos überbewertet. Die Exzesse, die sich da zeigen, sind das Produkt von Spekulationen und einer außergewöhnlichen Konstellation. Damit es zu so etwas kommen kann, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Es müssen massive Short-Positionen in einer Aktie bestehen und der Streubesitz muss gering sein. Beides ist bei VW offenkundig der Fall.

Was bedeuten die Kurskapriolen bei VW für den Dax?

Aus Indexsicht ist das höchst bedenklich. Beim zwischenzeitlichen Kurs von 1 000 Euro hatte VW im Dax ein Gewicht von 30 Prozent. Gleichzeitig waren alle anderen Dax-Werte im Minus. Hier zeigt sich, dass Investoren gezwungen waren, diese Titel zu verkaufen, um bei VW zumindest ansatzweise an der aktuellen Entwicklung dran zu bleiben und so die Dax-Entwicklung nachzuvollziehen.

Ist das denn überhaupt noch möglich?

Nein, die Portfolio-Manager haben kaum Chancen sich zu hedgen. Am Markt sind nicht genügend VW-Aktien verfügbar, dafür ist der Streubesitz im Zuge der Käufe von Porsche und durch den 20-Prozent-Anteil, den das Land Niedersachsen hält, zu gering. Und auch über Futures können sich Anleger zurzeit kaum absichern. Der Dax-Future lag zeitweise 150 Punkte unter dem Dax. Auch das ist absolut ungewöhnlich.

Kann man vor diesem Hintergrund noch von einem regulären Börsenhandel sprechen?

Eigentlich nicht. Die Deutsche Börse beruft sich zwar auf ihre festen Regeln. Aber diese Regeln sind für normale Handelsphasen gemacht und funktionieren dort auch. Im jetzigen Exzess muss die Börse reagieren. Bei derartigen Volatilitäten wie bei VW muss eine Aktie auch mal vom Handel ausgesetzt werden können. Hierfür gibt es in den Indexregeln aber keinerlei Vorgaben. Außerdem sollte der Index schneller angepasst werden. Dies ist regulär erst wieder im Dezember vorgesehen.

Warum reagiert die Börse nicht?

Das kann ich nicht sagen. Fakt ist aber, dass die Kapriolen der VW-Aktie die Börsenumsätze deutlich erhöhen – schließlich haben nicht nur die Umsätze bei Volkswagen kräftig angezogen. Durch die Transaktionen, die Portfoliomanager in der Folge bei anderen Schwergewichten vornehmen müssen, wird das gesamte Handelsvolumen hoch gezogen.

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