Kursrutsch in Deutschland verdirbt die Kauflaune für Neuemissionen
Keine Lust auf riskante Aktien

Der Markt ist tot, es lebe der Markt. Am Mittwoch musste mit dem Halbleiterwert Siltronic bereits das zweite deutsche Unternehmen in diesem Jahr seinen Börsengang absagen. Doch gleichzeitig kündigte die Postbank an, ihre milliardenschwere Aktienplatzierung noch vor der Sommerpause durchzuziehen. Und bereits in der kommenden Woche dürfte mit Autoteile-Unger der nächste Börsenkandidat eine Großemission ankündigen.

FRANKFURT/M. Für die beiden gescheiterten Unternehmen war die Schuldfrage schnell geklärt: Der Kursrutsch am Aktienmarkt und die Terrorangst haben die Anleger verschreckt. „Über die weltpolitischen Ereignisse kann sich auch ein attraktives Unternehmen nicht hinwegsetzen“, kommentiert Siltronic-Chef Wilhelm Sittenthaler die Absage. Seit den Anschlägen von Madrid hat der Dax rund 8 % verloren. Wichtige Vergleichsunternehmen aus dem Technologiesektor traf es noch schlimmer.

„Bei Siltronic hätte uns noch nicht einmal eine Senkung des Preises entscheidend weitergeholfen“, betont ein mit dem Börsengang befasster Banker. „Wichtige Großanleger wollen derzeit überhaupt keine neuen Risiken eingehen.“ Viele Investoren wüssten noch nicht, ob es sich bei dem aktuellen Kursrutsch um eine vorübergehende Korrektur oder um einen echten Abschwung handle.

„Siltronic hat sicher sehr viel Pech gehabt, aber man kann nicht alles auf das schwierige Umfeld schieben“, betont Harald Sporleder von Adam, der Fondsgesellschaft des Versicherers Allianz. „Das war die falsche Branche zum falschen Zeitpunkt“, meint Susan Levermann von der Deutsche-Bank-Tochter DWS. Ein derart zyklisches Geschäft wie die Halbleiterbranche habe zu diesem Preis die Risikoneigung der Investoren überfordert.

Nach Sporleders Meinung hätte es nach zwei Jahren absoluter Flaute „weitaus geeignetere Kandidaten für den ersten Börsengang in Deutschland gegeben“. In unsicheren Börsenzeiten würden die Investoren eindeutig konservativen Unternehmen mit langer Geschichte und stabiler Ergebnisentwicklung den Vorzug geben. „Siltronic schreibt nicht nur Verluste, die Gewinnreihe sieht auch aus wie eine Fieberkurve“, klagt Sporleder. Er hätte lieber ein solides Dickschiff wie die Postbank als Eisbrecher für den schwierigen Markt gesehen.

Trotz der aktuellen Skepsis gegenüber den zyklischen Werten aus der Halbleiterbranche warnen die Fondsmanager davor, die beiden gescheiterten Kandidaten in einen Topf zu werfen. „Die Emission von X-Fab war komplett verpatzt“, betont Sporleder.

Auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) war mit dem ostdeutschen Halbleiterzulieferer hart ins Gericht gegangen: Nach Meinung von DSW-Chef Ulrich Hocker „erinnerte der gesamte Börsengang vom Start weg an die unguten Zeiten des Neuen Marktes“.

Hocker sprach X-Fab die Börsenreife ab. Auch die Bewertung sei deutlich zu hoch ausgefallen. „Der zum Beginn der Zeichnungsfrist fehlende Emissionsprospekt hat dem Ganzen dann noch die Krone aufgesetzt.“ „Hinter Siltronic steckt deutlich mehr Substanz“, urteilt Fondsmanager Sporleder. „Das ist auch, was die Vorbereitung der Emission angeht, eine ganz andere Spielklasse.“

Seine Kollegin Levermann von der DWS geht sogar davon aus, dass Siltronic zu einem niedrigeren Preis den Börsengang hätte erfolgreich abschließen können: „Für zwölf Euro wäre das eine gute Geschichte geworden“, meint sie. „Aber dazu war das Unternehmen wohl nicht bereit. Die Banken hatten die Preisspanne für die Tochter des Chemiekonzerns Wacker auf 14,50 Euro bis 19 Euro festgesetzt.

Nach Meinung der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre waren die Siltronic-Aktien damit „völlig überteuert“. Doch die Aktionärsschützer gehen noch einen Schritt weiter. Ihrer Meinung nach sollten Privatanleger grundsätzlich jedem Börsenkandidaten mit größtem Misstrauen begegnen. Schließlich hätten die Investoren seit 1997 nur mit 8 % aller Neuemissionen Gewinn gemacht. Jeder vierte Börsengang habe sogar zum Totalverlust geführt.

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