Lindt & Sprüngli bleibt bei hohen Preise
Etwas Süßes in bitteren Zeiten

Der Schweizer Schokoladenfabrikant Lindt & Sprüngli wächst zwar noch in den USA. Doch schon rechnen die Analysten mit Akquisitionen in Osteuropa.

ZÜRICH. Länder und ihre Bewohner lassen sich nach unterschiedlichsten Kriterien sortieren – nach Produktivität zum Beispiel oder nach Aktienvermögen. Ernst Tanner, Präsident des Schweizer Schokoladenfabrikanten Lindt & Sprüngli hat eine andere Einteilung im Kopf, wenn er die Weltkarte betrachtet: Ihn interessiert vor allem der Heißhunger auf Schokolade, den jede Nation an den Tag legt. Seine Landsleute sind da mit 11,9 Kilo, die jeder von ihnen durchschnittlich im Jahr verzehrt, führend. Und auch der deutsche Nachbar schneidet mit knapp zwei Kilo weniger nicht schlecht ab. Der Durchschnittsamerikaner allerdings, der auch nicht als Kostverächter gilt, bringt es nicht einmal auf fünf Kilo im Jahr. Deswegen, so hat sich Tanner gedacht, sind die USA ein Wachstumsmarkt für Hersteller wie Lindt & Sprüngli.

Also entwickelte das Unternehmen eine Expansionsstrategie, die inzwischen Früchte trägt. 1992 machte das Unternehmen in seinen Kernabsatzländern Schweiz, Deutschland und Frankreich noch 80 % seines Umsatzes. Inzwischen ist dieser Anteil um knapp die Hälfte gefallen. Dafür stieg der Umsatz in Nordamerika im Jahr 2002 bei einem Gesamtumsatz der Gruppe von 1,681 Mrd. sfr (+5,6 %) auf 401 Mill. sfr. Tanner spricht seither von einer „ausgewogenen Risikoverteilung“, und Analysten notieren den Erfolg mit Wohlwollen. Lindt habe sich insbesondere mit den eigenen Schokoladengeschäften in den USA, von denen an die 90 inzwischen eröffnet haben, erfolgreich etabliert, heißt es von UBS. „Von jetzt an bringt jeder neue Shop einen zusätzlichen Deckungsbeitrag“, analysiert Ronald Wildmann vom Züricher Bankhaus Leu.

Doch ist nicht alles Gold, was glänzt, und nicht alles Schokolade, was braun ist, mag man hinzufügen. Auch in den USA ist die Konjunktur eingebrochen. Die Anbieter reagierten mit Preissenkungen. „Das bekannte Dreieckprodukt wurde kiloweise in waschmittelartigen Verpackungen zum halben Preis angeboten“, beschreibt Tanner die Strategie des Konkurrenten Kraft und dessen Premium-Produkt Toblerone. Lindt dagegen setzt auch in Zeiten, in denen bei Käufern das Geld nicht so locker sitzt, auf stabile Preise. Er will das Image der Marke nicht beschädigen. Ganz falsch kann er mit dieser Vorgehensweise nicht liegen. Das jüngste Jahresergebnis ist um 11,4 % auf 101,9 Mill. sfr gestiegen. Die Umsatzrendite verbesserte sich von 5,8 auf 6,1 %.

Neben dem allgemeinen Konjunkturdilemma leiden die Schokoladenverkäufer unter branchentypischen Schwächeanfällen. Dazu zählt vor allem ein extrem schwankender Markt für Kakaopreise. Kriege an der Elfenbeinküste – 40 % des Weltkakaobedarfs kommen aus dem Land – ließen die Preise in wenigen Monaten um bis zu 600 britische Pfund pro Tonne schwanken. Auf den Absatz drücken Krisen, wie die der Luftfahrtindustrie. Traditionell verkauft Lindt seine Produkte in den Duty-free-Shops der Flughäfen. Bleiben dort die Käufer weg, fehlt es bei Lindt an Geld in der Kasse.

Bisher ließen sich diese kostentreibenden Faktoren allerdings mehr als ausgleichen. Der Konzern- Cash-Flow hatte sich im vergangenen Jahr um 1,8 % auf 178,3 Mill. sfr erhöht. Die Eigenkapitalquote betrug zum Jahresschluss 40,8 %. „Was machen die mit all ihrem Geld?“, fragen sich die UBS-Analysten. Die Branche ist sich einig, dass Lindt in den nächsten Monaten eine Entscheidung treffen muss. Und nachdem Lindt-Chef Tanner jüngst versprach, die Eröffnung neuer Märkte eingehend zu prüfen, rechnen Analysten jetzt mit Akquisitionen in Osteuropa.

Der Aktie dürfte diese Strategie gut tun. Dank dem Ergebnisbeitrag aus den USA konnten sich Lindt-&- Sprüngli-Aktien vom negativen Trend des Schweizer Aktienindexes SPI abheben. Während die Börse in Zürich im vergangenen Jahr um 26 % einbrach, gaben Lindt-&- Sprüngli-Aktien lediglich um 8,5 %, die Partizipationsscheine um 14 % nach. Mit knapp 2 Mrd. sfr belegt das Unternehmen Rang 34 auf der Liste der nach Börsenwert sortierten Schweizer Unternehmen.

Die jüngste Börsenerholung und die eigene stabile Verfassung haben die Aktie des Konzerns wieder deutlich über die Marke von 800 sfr gehievt. Mit den Worten „Das beste kommt noch” gibt die Bank Leu in Zürich eine klare Kaufempfehlung und nennt ein Kursziel von 900 sfr.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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