Marketing
Als Bulle gestartet, als Bär gelandet

Das Beispiel Air Berlin zeigt, dass Marketing nicht alles ist. Denn Trotz millionenschwerer Werbekampagne mit Fernsehliebling Johannes B. Kerner wollten die Investoren Hunolds Aktien nicht, zumindest nicht zum anfangs geforderten Preis.

FRANKFURT. Morgens um kurz nach acht stellt sich Dietmar Roth vor dem Bronzebullen, der den Platz vor der Frankfurter Börse ziert, in Positur. Ein Fotograf schießt einige Fotos; für großes Aufsehen sorgt das nicht. Passanten ordnen den stattlichen Mann mit dem grauen Kinnbart wahrscheinlich in die Kategorie „harmloser Tourist“ ein. Dabei ist heute wahrscheinlich der wichtigste Tag in Roths Berufsleben. Heute wird er sein Unternehmen Roth & Rau, einen Zulieferer für die Solarindustrie, an die Börse bringen.

Keine halbe Stunde später ist der Bronzebulle dicht umlagert von Fernsehteams. Die Fotografen rangeln um die besten Plätze. Dieses Mal ist Joachim Hunold zum klassischen Börsen-Fotoshooting angetreten. Umringt von vier Stewardessen lächelt der bullige Chef des Billigfliegers Air Berlin in die Kameras. Auch Hunold führt sein Unternehmen heute an die Börse.

Zwei Neuemissionen an einem Tag, zwei Geschichten, wie sie unterschiedlicher kaum ausfallen könnten. Ein Kampf David gegen Goliath, ein Duell, das typisch ist für die aktuelle Lage am Aktienmarkt. Knapp 50 Millionen Euro bringt der Börsengang von Roth & Rau auf die Waage, ein Federgewicht im Vergleich zu Hunolds Air Berlin, der ursprünglich 875 Millionen Euro bei den Anlegern einsammeln wollte. Die Betonung liegt auf „wollte“. Denn der Börsengang von Deutschlands zweitgrößter Fluglinie steht unter keinem guten Stern. Trotz millionenschwerer Werbekampagne mit Fernsehliebling Johannes B. Kerner wollten die Investoren Hunolds Aktien nicht, zumindest nicht zum anfangs geforderten Preis.

Mangels Nachfrage muss Air Berlin den Börsengang um fast eine Woche verschieben und die Preisspanne um 20 Prozent auf 11,50 bis 14,50 Euro senken. Am Ende gehen die Luftfahrtpapiere für 12,00 Euro an die Anleger, also am unteren Ende der bereits niedrigeren Spanne. Ein überzeugender Börsengang sieht anders aus.

Solche Probleme kennt Dietmar Roth nicht. Die Nachfrage nach den Aktien des Herstellers von Maschinen für die Solarindustrie war zehnmal so groß wie das Angebot. Bei einem solch überzeugenden Votum der Investoren ist es dann fast schon selbstverständlich, dass der Ausgabekurs am oberen Ende der Preisspanne von 32 bis 36 Euro liegt.

Eigentlich sind Erfolgsstories wie die von Roth & Rau im Moment der typische Fall an der deutschen Börse. Dank der guten Stimmung am Aktienmarkt wagen sich so viele Börsenkandidaten aus der Deckung wie nach dem großen Crash im Jahr 2001 nicht mehr. Dutzende Unternehmen drängen an den Kapitalmarkt, und auch die Privatanleger haben wieder Vertrauen gefasst. Mut machen ihnen Börsengeschichten mit Happy End, wie die von Wacker Chemie. Die mit 1,2 Mrd. Euro bislang größte Neuemission in diesem Jahr war 18fach überzeichnet. Gleich am ersten Handelstag legte die Aktie um zwölf Prozent zu. Seither hat der Chemiewert den Anlegern Kursgewinne von knapp 50 Prozent beschert.

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