Markt nicht aufnahmebereit
Börse Tokio verschiebt Gang aufs Parkett

Die Tokioter Börse verschiebt die Erstnotierung ihrer eigenen Aktien. Das Unternehmen erwartet im derzeitigen Umfeld keinen günstigen Erlös für ihre Anteilsscheine "Jetzt achten wir genau auf die Entwicklung der Marktbedingungen", sagte Börsen-Chef Atsushi Saito gestern in Tokio.

TOKIO. Mit dem Börsengang steht auch das wichtigste laufende Projekt der Tokyo Stock Exchange (TSE) infrage: Eine Erneuerung des maroden Handelssystems. Aus dem Erlös des Aktienverkaufs wollte die TSE ursprünglich im kommenden Jahr die Einführung einer neuen Handelsplattform finanzieren. Die derzeitigen Computer und die Software sind den Anforderungen eines großen Aktienmarktes schon lange nicht mehr gewachsen. Der Handel fiel beispielsweise nach größeren Börsenereignissen stundenlang aus.

Zudem ist trotz zahlreicher Gerichtstermine ein vier Jahre alter Streit zwischen der TSE und dem Wertpapierhaus Mizuho Securities immer noch nicht entschieden. Ein Händler hatte durch eine Falscheingabe eine unrealistische Order ausgelöst. Das TSE-System erkannte weder, dass mit den Beträgen etwas nicht stimmt, noch war eine Löschung des Auftrags möglich. Stattdessen führte der Rechner den Verkauf aus und brachte den Markt in Unordnung. Die TSE gab sofort Mizuho die Schuld und verpflichtete den Broker, für den Schaden aufzukommen. Umgekehrt verklagte Mizuho die Börse auf Schadensersatz, weil das System nicht angemessen reagiert habe. Es geht bei dem Streit um 300 Mio. Euro.

Eine solche Ausgabe könnte die TSE sich derzeit kaum leisten. Im Quartal von Oktober bis Dezember halbierte sich der operative Gewinn, weil die Handelstätigkeit in der Krise zurückging. Für das Geschäftsjahr ab April 2010 reduzierte das Unternehmen seinen Gewinnausblick auf ein gutes Viertel - wegen Verschiebung des Börsengangs. Mit einer Beteiligung an der Börse Singapur sitzt die TSE auf Bewertungsverlusten in Höhe von 150 Mio. Euro.

Die TSE ist seit 2007 lose mit dem amerikanisch-europäischen Börsenbetreiber Nyse Euronext verbündet. Im Gespräch ist daher, die Handelsplattform der Nyse Euronext auch in Tokio einzuführen. Auch mit dem Handelsplatz Seoul und indischen Börsen hat Tokio Kooperationsabkommen geschlossen. Ziel war ursprünglich, sich als asiatische Leitbörse zu profilieren.

Im Jahr 2001 hatte die TSE sich von der Trägerschaft durch einen Verein der notierten Unternehmen zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt. Sie zielte auf 2009 als Datum für das eigene Listing. Seit vergangenem September hat der japanische Leitindex Nikkei 35 Prozent verloren. Im vergangenen Jahr gingen in Tokio 40 Prozent weniger Firmen an die Börse als 2007.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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