Merrill Lynch
Pflicht zum Pessimismus

Die Investmentbank Merrill Lynch greift durch: Ab Juni sollen 20 Prozent der Bewertungen der hauseigenen Analysten negativ ausfallen. Bei dem neuen Vorhaben der Bank dürfen Analysten ihre rosarote Brille zwar weiterhin aufbehalten, sie müssen ab sofort aber etwas häufiger über den Rand schielen.

FRANKFURT. Enron lässt noch einmal grüßen. Für Aktienanalysten ist der 2001 kollabierte Energie-Scheinriese ein Menetekel. Bis zuletzt hatten Bankanalysten Anlegern zum Kauf geraten - und sie damit in Verluste getrieben. Der Schock saß tief, und die Branche gelobte Besserung. Doch die guten Vorsätze hielten nicht lange. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Bloomberg ist immer noch nur gut jede zwanzigste Aktienbewertung negativ. Kein Wunder: Welches Unternehmen macht schon mit einer Bank Geschäfte, von deren Analysten es öffentlich abqualifiziert wird.

Nun greift die Investmentbank Merrill Lynch durch: Ab Juni sollen 20 Prozent der Bewertungen der Analysten des Hauses negativ sein. Und jeder Mitarbeiter muss diese Quote einhalten. Zwar produzieren sie mit mehr als zehn Prozent im Branchenvergleich schon jetzt überdurchschnittlich viele negative Bewertungen. Doch die Bank legt die Latte noch höher: Kaufempfehlungen dürfen künftig nur noch 70 Prozent der Bewertungen ausmachen.

Damit dürfen die Analysten ihre rosarote Brille im Prinzip sogar aufbehalten - und müssen nur etwas häufiger über den Rand schielen. Denn an der Börse entwickelt sich etwa die Hälfte der Aktien überdurchschnittlich, die andere Hälfte unterdurchschnittlich.

Um die betroffenen Unternehmen mit der neuen Ehrlichkeit nicht völlig zu verschrecken, vermeidet Merrill Lynch künftig das hässliche Wort "verkaufen" und nennt die negativen Urteile stattdessen "underperform", also unterdurchschnittlich ertragreich. Ob das bedeutet, dass der Kurs fallen oder nur nicht ganz so stark steigen wird wie die anderen Aktien des jeweiligen Analysten, lässt die Bank bei der Definition von "underperform" explizit offen.

Die Bankanalysten stecken in einem Zwiespalt. Mit geschönten Empfehlungen können sie Privatanleger täuschen und sich dadurch bei den bewerteten Firmen beliebt machen. Bei institutionellen Investoren jedoch verlieren sie mit geschöntem Research Ansehen und Broker-Aufträge.

Die in Berkeley forschende deutsche Ökonomin Ulrike Malmendier hat gezeigt, wie clevere Analysten dieses Problem lösen. "Sie sprechen mit gespaltener Zunge", lautet ihr Resümee. In den zehn Jahren bis 2002, die sie untersuchte, waren die einfachen Verkaufs- und Kaufempfehlungen, die sich an Privatinvestoren richten, vor allem dann stark geschönt, wenn die Banken mit den betreffenden Unternehmen Geschäftskontakte unterhielten.

Die komplizierteren Messgrößen in den Berichten für institutionelle Kunden dagegen sprachen eine andere Sprache. Sie wurden weitgehend unabhängig von den Geschäftsbeziehungen der Bank bewertet.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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