Milliarden-IPO
China: Mega-Börsengang nährt Angst vor Blase

An Chinas Aktienmarkt dominiert wieder der Gigantismus. Die Gier der Chinesen nach schnellen Börsengewinnen hat den Kurs des Börsenneulings China State Construction in die Höhe schießen lassen. Die Umsätze mit den neuen Aktien brachen alle Rekorde. Doch die Stimmung könnte schon bald umschlagen.

DÜSSELDORF. Die Vorfreude war groß, die Euphorie nach dem gelungenen Börsenstart noch viel größer. Wie ein Schulkind am Tag der Einschulung fand Sun Wenjie, Chairman von China State Construction Engineering, in der vergangenen Nacht nach eigenen Angaben keinen Schlaf. Zu groß war die Spannung vor dem Börsengang seines Unternehmens an der Shanghai Stock Exchange, dem weltgrößten IPO seit März 2008. Umso größer war die Erleichterung, als die Aktie gleich nach der Erstnotiz in die Höhe schoss. Von seinem Ausgabepreis bei 4,18 Yuan (43 Cent) stieg das Papier in der Spitze um 90 Prozent, zum Handelsschluss stand immerhin noch ein Plus von 56 Prozent auf 6,53 Yuan.

Das Plus wäre wohl noch weitaus größer ausgefallen, hätten die chinesischen Aktienmärkte nicht nach wochenlanger Hausse einen heftigen Rückschlag erlitten. Der Leitindex der Börse in Schanghai brach, belastet von Spekulationen über ein Ende der Phase des billigen Geldes in China, um fünf Prozent ein. Der CSI-Index, der die 300 größten Werte in Schanghai und Shenzhen umfasst, verlor 5,3 Prozent. Der stärkste Kursverlust seit Mitte November 2008 fraß einen Großteil der Kursgewinne der vergangenen Tage auf. Unter dem Strich sind chinesische Aktien aber weiter 80 Prozent teurer als zu Jahresbeginn. Viele Experten wie der bekennende China-Bulle Jim Rogers warnen inzwischen vor Übertreibungen an Chinas Börsen. Rogers hält gar einen "Kollaps" der Aktienkurse für möglich.

Als übertrieben kann man ohne Zweifel auch die Euphorie um den Börsengang von China State Construction bezeichnen. Das Unternehmen brachte Aktien im Wert von 5,15 Mrd. Euro an den Markt. Die Nachfrage nach den Titeln lag aber nahezu beim 37-Fachen. Am ersten Handelstag wechselten insgesamt 4,2 Mrd. Aktien den Besitzer. Das ist das Vierfache der gehandelten Stücke aller Aktien im S&P-500-Index am Dienstag und auch deutlich mehr als bei den bisherigen chinesischen Rekordbörsengängen von Petrochina im Jahr 2007 und der Bank ICBC ein Jahr zuvor am ersten Handelstag umgesetzt wurde.

Eine Erklärung für das grenzenlose Interesse ist die lange Zeit aufgestaute Nachfrage nach neuen Aktien. Aus Sorge vor einer übermäßigen Spekulation hatte Chinas Regierung im Herbst letzten Jahres den IPO-Markt vorübergehend eingefroren. Erst seit dieser Woche sind Börsengänge wieder erlaubt. In Shenzhen sind daraufhin umgehend drei Unternehmen an den Markt gegangen, in Schanghai ist China Construction der zweite Börsenneuling. Am Montag hatte der Mautstraßenbetreiber Sichuan Expressway sein Börsendebüt gefeiert, am ersten Handelstag verdreifachte sich der Aktienkurs.

Marktbeobachter in Shanghai sehen die Entwicklung mit großer Sorge. Kritiker stören sich vor allem an der hohen Bewertung von China State Construction, deren Aktien für das 42-Fache des letztjährigen Gewinns gehandelt werden. "State Construction ist zu teuer. Die Gewinne rechtfertigen diesen Anstieg nicht", sagte Xu Jiulong, Fondsmanager bei Greatwall Fund Management, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Xu hat nach eigenen Angaben daher alle Aktien, die er beim IPO zugeteilt bekam, gleich am ersten Handelstag verkauft.

So wie er handelten wohl auch viele andere institutionelle Investoren, die gleich Gewinne einstrichen. Dafür griffen die Privatanleger, die für mehr als die Hälfte des Umsatzes an den chinesischen Festlandbörsen stehen, umso beherzter zu. Die Gefahr, dass sie auf der Suche nach dem schnellen Geld daneben gegriffen haben, ist allerdings groß. Das zeigen die bisherigen IPOs der vergangenen Tage: Die Aktie von Sichuan Expressway fiel in Schanghai nach dem fulminanten Start am Montag um den Maximalwert von zehn Prozent. Und auch in Szenzhen notieren die Titel der Debütanten Your-Mart, Guilin Sanjin Pharmaceutical und Zhejiang Wanma Cable wieder klar unter ihrem Schlusskurs am Tag der Erstnotiz.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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