Mit Sorge blicken Analysten auf die Margen des Telekomausrüsters
Alcatel verschreckt Anleger

Die vergangenen Wochen waren schwierig für Patricia Russo. Die Vorstandsvorsitzende des französisch-amerikanischen Telekomausrüsters Alcatel-Lucent hatte zunächst eingeräumt, dass das Unternehmen im zweiten Quartal tiefer in die Verlustzone gerutscht ist, als erwartet worden war. Eine Woche später die nächste schlechte Nachricht: Ein US-Richter kippte die Entscheidung einer Jury, die dem Unternehmen im Patentsrechtsstreit mit Microsoft 1,3 Mrd. Euro Entschädigung zugesprochen hatte.

FRANKFURT. Dabei hätte Russo die Finanzspritze gut gebrauchen können. Der Ende vergangenen Jahres fusionierte Konzern verbuchte von April bis Juni einen Verlust von 586 Mill. Euro - mehr als das Doppelte dessen, was die Analysten im Durchschnitt prognostiziert hatten. Der Aktienkurs, der sich bereits seit Monaten deutlich schlechter entwickelt hatte als der Branchenindex, sackte daraufhin auf den niedrigsten Stand der vergangenen zwölf Monate ab. Bei Anlegern und Analysten schwindet allmählich das Vertrauen in Russos Fähigkeit, den 14 Mrd. Dollar teuren Zusammenschluss zum Erfolg zu führen.

Das Unternehmen leidet unter dem harten Wettbewerb in der Branche. Neben den etablierten Konkurrenten, der schwedischen Ericsson und dem im April fusionierten finnisch-deutschen Joint-Venture Nokia Siemens Networks, drängen mit den chinesischen Unternehmen ZTE und Huawei neue, sehr aggressiv auftretende Spieler auf den Markt.

Besonders beim Wettbewerb um Aufträge für die Mobilfunknetze der zweiten und dritten Generation ist Alcatel-Lucent in die Defensive geraten. Das Unternehmen erwirtschaftete im vergangenen Quartal acht Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr. Besonders bedenklich: Das Geschäft lief vor allem in Osteuropa und Afrika schlecht. Dabei gelten diese Regionen eigentlich als Märkte mit großem Wachstumspotenzial.

Um nicht noch mehr an Boden zu verlieren, versucht das Unternehmen, durch starke Preisnachlässe seinen Marktanteil zu halten. Doch die Kampfpreise drücken die Gewinnspanne und sind damit die wichtigste Ursache für die enttäuschenden Geschäftszahlen des Konzerns. Nach Einschätzung der Analysten von Goldmann Sachs wird sich diese missliche Lage auch in der zweiten Jahreshälfte nicht spürbar ändern.

Analysten befürchten, dass dadurch die geplanten Synergieeffekte der Fusion zu einem erheblichen Teil aufgefressen werden. Russo hatte angekündigt, durch die Fusion bis Ende 2009 1,7 Mrd. Euro einzusparen, allein in diesem Jahr sollen es 600 Mill. Euro sein. Dazu will die 55-jährige Amerikanerin insgesamt 12 500 der vormals 80 000 Stellen streichen.

Selbst nach dieser Rosskur wird Alcatel-Lucent nach Ansicht von Per Lindberg, Analyst der Investmentbank Dresdner Kleinwort, weiter auf zu hohen Kosten sitzen. Nokia Siemens beschäftige, wenn das Gemeinschaftsunternehmen seinen Stellenabbau wie geplant vollziehe, bei vergleichbarem Umsatz etwa 17 000 Mitarbeiter weniger. Um wettbewerbsfähiger zu werden, müsse Russo deshalb noch deutlich mehr Mitarbeiter entlassen, schreibt Lindberg in einer Studie.

Nach Berechnungen Lindbergs sind weitere Einsparungen dringend nötig, um die Investoren vor bösen Überraschungen zu schützen. Andernfalls sei beispielsweise die Dividende in Gefahr.

Angesichts der Schwierigkeiten des Unternehmens stufen elf der auf Bloomberg gelisteten 34 Analysten die Alcatel-Lucent-Aktie mit "Verkaufen" ein - ein ungewöhnlich schlechter Wert. Weitere elf raten, das Papier zu halten. Nur noch zwölf Experten geben eine Kaufempfehlung. Wer in Aktien des Konzerns investiert, dürfte also starke Nerven brauchen. Und Vertrauen in die Sanierungsfähigkeiten Russos. Diese hat sie bereits einmal unter Beweis gestellt, als sie Lucent 2002 vor der Insolvenz rettete und mit brachialen Maßnahmen wieder in die Gewinnzone führte.

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel
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