Nach Erholung drohen neue Tiefstände
Chartanalysten diagnostizieren Bärenmarktrally

Die Kurszuwächse in den vergangenen Monaten lässt viele Anleger ein Ende der Rally befürchten. Nicht so renommierte Charttechniker im Handelsblatt-Gespräch: Einhellig sind sie der Meinung, dass der Aufwärtstrend anhält. Abgesehen von einer kurzen Verschnaufpause in den kommenden Tagen und einer stärkeren Korrektur im Frühherbst prophezeien die Experten bis ins nächste Jahr hinein höhere Kurse.

FRANKFURT/M. Grund für den Optimismus: Anders als vergangene Rallys tragen diesmal viele Aktien die Aufwärtsbewegung; Charttechniker loben die Marktbreite. Zudem haben die meisten Titel den wichtigen 200-Tage-Durchschnitt überwunden. Hinzu kommt, dass viele Indizes den langfristigen und seit März 2000 gültigen Abwärtstrend durchbrochen (S & P-500) oder wie der Dax zumindest einen tragfähigen Boden, wie eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation, gebildet haben.

Getrübt wird der Optimismus allerdings durch die – ebenfalls einhellige – Einschätzung, dass die dreijährige Baisse noch nicht überwunden ist. Das bedeutet: Nach der Erholung drohen neue Tiefstände. „Die Abwärtstrends sind durchbrochen, doch längerfristig sind die Risiken eindeutig größer als die Chancen“, sagt Martin Siegert von der Landesbank Baden-Württemberg.

Optimistischster Fachmann in der Expertenrunde ist Wieland Staud von Staud Research: Zwar ist auch er der Ansicht, dass auf Sicht von mindestens fünf Jahren Anleger den Bärenmarkt noch nicht hinter sich haben. Aber er betont: „Die Charts zeigen das beste Bild seit Beginn der Baisse.“ Staud sieht im Rahmen einer ausgeprägten Bärenmarkt-Rally noch Spielraum für kräftige Kursgewinne: beim Nasdaq-Composite etwa bis 2 050 Punkte und beim Tec-Dax bis 680 Punkte in diesem Jahr. Derzeit notieren die Indizes bei 1 755 bzw. 458 Punkten.

Ein Grund, mittelfristig Kurszuwächse zu erwarten, sei, dass Anleger momentan ein für Bullenmärkte typisches Verhalten zeigten. Von der Baisse verunsichert, stiegen sie nach einer kleinen Erholung schnell wieder aus – ängstlich, dass es wieder bergab gehen könnte. Doch stattdessen stehen damit die Chancen gut für einen weiteren Aufschwung, sind doch die „zittrigen Hände“, wie sie Altmeister André Kostolany nannte, schnell wieder aus dem Markt. Daher ist keine beschleunigte Talfahrt zu erwarten – wie es der Fall wäre, wenn viele „Zittrige“ zur selben Zeit ausstiegen. „Der Verkaufsdruck, wie die Börsen ihn noch bis ins Frühjahr hinein erlebten, ist raus. Der Markt kann nicht mehr so unter Druck kommt wie in den vergangenen drei Jahren“, sagt Manfred Hübner. Der Researchmanager misst mit dem Sentix-Index die Stimmung und den Investitionsgrad der Anleger. „Wer will noch verkaufen?“, fragt Hübner, „Institutionelle haben dies in der vorangegangenen Abschwungphase getan, und an Privaten ist der bisherige Aufschwung weitgehend vorbei gegangen. Sie sind derzeit niedriger investiert als während der Tiefstkurse im März.“

Mittelfristig ist auch Michael Riesner von der DZ Bank optimistisch: Seiner Meinung nach starten die Aktienkurse im Herbst eine Rally, die bis Frühjahr 2004 dauert. Der amerikanische S&P-500 dürfte dabei auf maximal 1 200 Punkte steigen, der Dax auf 3 800 Punkte. Das wären gegenüber dem aktuellen Stand kräftige Zuwächse.

Für die nächsten Wochen rechnet Riesner aber mit Rückschlägen: „Die Märkte sind überhitzt.“ Der S&P-500 könnte bis auf 900 Stellen zurückfallen, der Dax auf 2 900 Punkte. „Das sind dann Kaufkurse“, sagt Riesner. Doch nach dem Frühjahr 2004 gehen die Aktienkurse seiner Einschätzung nach wieder auf Talfahrt, die mindestens bis 2006 dauert. Riesner: „Nach einem Aufwärtstrend von 20 Jahren dürfte eine längere Zeit sinkender Kurse nötig sein, bis wieder Potenzial für einen nachhaltigen Aufschwung da ist.“ Drei Jahre Baisse reichten dafür noch nicht aus.

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