Nachgefragt
„Investoren fahren ihre Risiken zurück“

Vier Fragen zum Thema KBV an Andreas Hürkamp, Aktienstratege und Spezialist für Kennzahken bei der Commerzbank.

Warum hat der Dax in ausgeprägten Baisse-Phasen bei einem Kurs-Buchwert von eins stets einen guten Halt gefunden?

Genügend erfahrene Investoren - der verstorbene Börsenaltmeister Andre Kostolany sprach von den starken Händen - sind bereit, bei soliden Zyklikern mit starken Bilanzen wie BASF und Siemens zum jeweiligen Buchwert zuzugreifen. Bei BASF entspricht dieser Wert etwa 20 Euro, bei Siemens rund 40 Euro. Zykliker mit schwächeren Bilanzen fallen in solch schlechten Börsenphasen regelmäßig sogar auf ihren halben Buchwert, bevor hartgesottene Anleger zugreifen.

Warum notieren derzeit so viele finanziell gut ausgestattete Industriekonzerne mit derart niedrigem Kurs-Buchwert-Verhältnis?

Der Nachrichtenfluss ist so negativ, dass Investoren generell ihre Risikopositionen zurückfahren. Auf dem Höhepunkt jeder Krise werden regelmäßig Aktienpositionen aufgelöst - beziehungsweise: sie müssen aufgelöst werden. Bewertungsparameter wie niedrige Preis-Buchwert-Verhältnisse rücken in den Hintergrund. Dies gilt übrigens auf der anderen Seite auch in einem Konjunkturboom. Dann werden Aktienpositionen, von guten Nachrichten getrieben, aufgestockt, obwohl Bewertungsparameter eine deutliche Überbewertung zeigen.

Was müsste passieren, damit die Kurse der Dax-Konzerne sogar deutlich unter ihr bilanziell ausgewiesenes Eigenkapital rutschen?

Sollte das passieren, wäre das ein Signal der Aktienmärkte, dass die mittelfristigen Margenerwartungen der Analysten nochmals deutlich sinken werden. Die erwartete Rendite auf das Eigenkapital der Dax-Unternehmen, die derzeit bei zehn Prozent liegt und nach unseren Schätzungen in Richtung acht Prozent fallen wird, könnte dann in Regionen von drei bis vier Prozent fallen. Viele Dax-Konzerne würden in einem solchen Szenario in die Verlustzone rutschen.

Welche Branchen sind von Milliardenabschreibungen bedroht?

Die größte Gefahr liegt im Finanzsektor. Das in der Bilanz ausgewiesene Eigenkapital kann sich derzeit schnell in Luft auflösen. Aber auch in zyklischen Branchen wie Chemie und Rohstoffe, in denen es zuletzt zu vielen Übernahmen und einem deutlichen Ausbau der Produktionskapazitäten gekommen ist, dürfte die Rezession eine Reihe von Abschreibungen auslösen.

Die Fragen stellte Ulf Sommer.

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