Neuwahlen in Deutschland und die Verfassungsreferenden in Frankreich und in den Niederlanden belasten die türkischen Finanzmärkte
Am Bosporus wächst die Nervosität

Die Auswirkungen eines möglichen Regierungswechsels in Berlin verderben den Börsianern in Istanbul die Stimmung. Auch die Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden sorgen für Verunsicherung: man befürchtet Rückschläge für die türkische EU-Kandidatur. Manche Analysten bleiben für türkische Aktien dennoch positiv gestimmt.

ghö ATHEN/ISTANBUL. Mit türkischen Titeln sind Anleger nicht schlecht gefahren. Seit Anfang 2003 hat sich der Istanbuler Aktienindex ISE 100 mehr als verdoppelt. Gute makroökonomische Vorgaben und die Aussicht auf EU-Beitrittsverhandlungen ließen die Kurse von einem Rekord zum nächsten klettern. Jetzt aber macht sich wachsende Nervosität unter den Anlegern breit. Auf die Ankündigung vorzeitiger Wahlen in Deutschland reagierte die Istanbuler Börse am Montag mit einem Minus von 4,5 Prozent, dem tiefsten Sturz seit zwei Monaten. Auch gestern rutschten die Aktien weiter ab. Damit hat der Index seit dem Höchststand am 28. Februar rund 16 Prozent eingebüßt. Der Markt sei ohnehin wegen der bevorstehenden Verfassungsreferenden in Frankreich in schwacher Verfassung gewesen, sagt Tevfik Aksoy, Chefvolkswirt bei der Deutschen Bank in Istanbul. Die Neuwahlen in Deutschland stellten „ein zusätzliches Handicap“ dar.

„Zunehmende Besorgnis“ an den Märkten registriert auch Emin Öztürk, Analyst beim Istanbuler Brokerhaus Bender Securities. Deutschland und Frankreich hätten in der Vergangenheit zu den engagiertesten Förderern der türkischen Beitrittsambitionen gehört. Nun bestehe die Gefahr, dass sie zu Bremsern würden. Auch wenn die Beitrittsverhandlungen pünktlich am 3. Oktober begännen, wäre damit „fraglich, ob sie gute Fortschritte machen könnten“, meint Öztürk. Marktbeobachter rechnen damit, dass wegen der wachsenden Verunsicherung auch die türkische Lira und die Bonds unter Druck bleiben werden.

Viele Analysten weisen aber darauf hin, dass die fundamentalen Vorgaben der türkischen Wirtschaft weiter gut aussehen. Die Inflation liegt mit 8,2 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit drei Jahrzehnten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte 2004 um 8,9 Prozent zu und wird laut OECD auch 2005 stärker wachsen als die von der Regierung veranschlagten fünf Prozent. Wirtschaftsminister Ali Babacan rechnet für dieses Jahr mit ausländischen Direktinvestitionen von 4,6 Mrd. Dollar, doppelt so viel wie 2004.

Die makroökonomischen Aussichten seien so gut, dass es für die Finanzmärkte nicht wichtig sei, was bei den Beitrittsverhandlungen am Ende herauskomme, meint Manfred Zureck, Fondsmanager bei der Ersten Sparinvest in Wien. Sein in Euro notierter Espa Stock Istanbul legte in den vergangenen zwölf Monaten um 52,8 Prozent zu und liegt damit in der Spitzengruppe der Fondsliga. Dass es an der Bosporus-Börse im gleichen Tempo weiter nach oben geht, glaubt aber auch Zureck nicht. Für 2005 rechnet er „mit einer Seitwärtsbewegung in einer Bandbreite von 20 Prozent“. Von den Verfassungsreferenden und den deutschen Wahlen erwartet der Wiener nur „temporäre Verunsicherung und keine nachhaltige Abwärtsbewegung“, denn die negativen Erwartungen seien mit der jüngsten Korrektur bereits berücksichtigt.

Anderer Meinung ist Bender-Analyst Öztürk. Ein zweifaches Nein bei den Referenden in Frankreich und den Niederlanden wäre „ein sehr negatives Signal, das noch nicht voll eingepreist ist“, fürchtet Öztürk. Doch auch er verweist auf die guten fundamentalen Wirtschaftsdaten und die innenpolitische Stabilität des Landes: ein Rückfall in die politischen Turbulenzen der 90er-Jahre oder gar eine Wiederholung der schweren Finanzkrise von 2001 sei nicht zu befürchten, meint Öztürk.

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